Die 10 buddhistischen Vollkommenheiten (2/2)

Meditation & Achtsamkeit

Buddha erkannte, dass es insgesamt zehn Aspekte – sogenannte Vollkommenheiten –  gibt, die unser Erleben und in Folge unser Leben leichter machen. Sie sind wie die Speichen des Rades. Keine ist besser oder wichtiger als die andere. Im ersten Artikel Die 10 buddhistischen Vollkommenheiten  haben wir dir bereits die ersten vier Vollkommenheiten vorgestellt, nun gehen wir auf die weiteren sechs ein.  Vielleicht spricht dich eine von ihnen besonders an. Dann widme dich ihr für ein, zwei Monate und versuche dein Denken und dein Handeln danach auszurichten.

 

5. Nicht verletzendes Handeln

Es sind nicht in erster Linie unsere Überzeugungen und moralischen Ansprüche, die uns zu einem besseren Mitmenschen machen. Es ist eher die Bereitschaft, achtsam auf unser Herz zu hören und mitfühlend innezuhalten. Eine aufgeschlossene, achtsame Haltung wertet unseren Alltag auf. Wir können keinen emotionalen Frieden finden, wenn wir unehrlich und betrügerisch sind, wenn wir nehmen, was uns nicht gehört, wenn wir die Grenzen anderer nicht achten.

Je mehr wir verstehen, wie untrennbar wir alle miteinander verwoben sind, umso klarer ist es auch, dass jeder Schaden, den wir anderen zufügen, auf uns selbst zurückfällt. Versuche deshalb auf deine Gedanken und Handlungen zu achten und sie so auszuführen, dass weder du selbst noch andere dadurch verletzt werden.

 

6. Wahrhaftigkeit

Dies ist tatsächlich eine große Vollkommenheit, da sie Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit umfasst. Diese entschiedene geistige Ausrichtung zeigt sich in der inneren Verpflichtung, die Wirklichkeit in keiner Weise zurechtzustutzen, nicht zu übertreiben, zu beschönigen oder ins beste Licht rücken zu wollen. Wahrhaftigkeit ist die Übereinstimmung einer Aussage mit dem, was als Wirklichkeit erlebt wird, und kommt in wohlwollender Kommunikation zum Ausdruck.

Die Suche nach Wahrhaftigkeit und Authentizität ist für viele Menschen eine Leitlinie im Leben. Diese innere Haltung kommt in der Bereitschaft zum Ausdruck, dem, was jetzt in diesem Moment geschieht, aufrichtig und von Herzen her ins Auge zu schauen. Wie wär’s, wenn du versuchst, in den nächsten Wochen so ehrlich dir selbst und anderen gegenüber zu sein, ohne jemanden dabei zu verletzten?

 

Geduld ist Sanftmut, Konstanz, Nachsicht – mit anderen und uns selbst.
Redaktion

7. Geduld

Diese Vollkommenheit ist eine starke Geisteshaltung, die nicht verurteilt, nicht mit Härte oder Schärfe etwas von sich weist oder unterdrücken will, sondern mit Weichheit das Gegengewicht, den Ausgleich betont und wohlwollend in die Begegnung mit dem Schwierigen geht. In dem deutschen Wort Geduld schwingen Sanftmut, Langmut, Konstanz, Durchhaltevermögen, Nachsicht mit, weiterhin sind auch die Bedeutungen friedfertig, gelassen, fügsam, klaglos, ausdauernd, ergeben sein darin enthalten.

Geduld brauchen wir nicht nur im Umgang mit anderen Menschen, sondern auch mit uns selbst und mit unserem Körper. Mal ändert sich der Körper von einer Sekunde zur anderen, dann wieder braucht er für Heilungsprozesse unerwartet lange. Wer eine Zahn-OP hinter sich hat, wartet ungeduldig darauf, wieder fest zubeißen zu können. Eigentlich haben wir einen guten Schlaf, und es kommt doch vor, dass wir nicht einschlafen können und geduldig in die stille Nacht hineinlauschen müssen.

Geduld ist auch dann gefordert, wenn es darum geht, die Vollkommenheiten in dein Leben zu integrieren. Du kannst alte Gewohnheiten nicht von heute auf morgen ändern. Deshalb wird es auch dauern, bis all diese wertvollen Aspekte in Fleisch und Blut übergegangen sind. Wie wär’s wenn du deinen Perfektionismus loslässt und dir soviel Zeit schenkst wie es braucht, um die Vollkommenheiten zu verinnerlichen?

 

8. Weisheit

Weisheit ist die Essenz von Erfahrungswissen. Weise verkörpern ein in Würde und Achtsamkeit gelebtes Leben. Wenn sich viel Lebenserfahrung mit Humor und Lebenskunst verbindet, bescheiden, unaufgeregt, aus tiefstem Herzen das akzeptierend, was ist, dann erleben wir Weisheit.

In allen Kulturen gibt es Weisheitstraditionen, die den Weg in diese inneren Räume öffnen. Im Christentum zum Beispiel gehört Weisheit zu den vier antiken Kardinaltugenden Klugheit (Weisheit), Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung und bildet zusammen mit den drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung die sieben göttlichen Tugenden. Und im Buddhismus krönt die Weisheit den Achtfachen Pfad, den Weg zum Erwachen. Möglicherweise können dich die Weisheiten großer spiritueller Lehrer, wie dem Buddha, unterstützen, nach und nach in Kontakt zu kommen mit deiner eigenen Weisheit. Wie wär’s, wenn du in den nächsten Wochen dein Augenmerk besonders auf Weisheiten richtest und versuchst, ihnen zu folgen?

 

9. Gelassenheit

Ähnlich wie ein Berg Wind und Wetter, Wolkenbrüche und sonnige Tage ungerührt an sich vorüberziehen lässt, so akzeptiert Gelassenheit angenehme und unangenehme Erfahrungen. Diese wohltemperierte, entspannte Geisteshaltung erlaubt es dir, alles mit einem leisen Lächeln im Herzen zu erleben. Bedingungsloses, raumgebendes Einverstandensein, das ist Gelassenheit. Sie wird leicht verwechselt mit Gleichgültigkeit. Und ihr genaues Gegenteil ist die unbewusste Reaktion, das unvermittelte Aufbrausen und Aus-der-Haut-Fahren.

Im Buddhismus wird Gelassenheit als eine der vier unermesslichen Geistesqualitäten bezeichnet, der sogenannten Brahmaviharas, die auch die vier himmlischen Verweilzustände oder Wohnstätten der Götter genannt werden. »Vihara« bedeutet Wohnstätte; Brahma, der Name einer hinduistischen Gottheit, steht hier auch für das Erhabene, Göttliche, Unermessliche. Die Brahmaviharas bezeichnen unter anderem den Geisteszustand von Menschen, die ihre Liebes- und Erkenntnisfähigkeit in bestmöglicher Weise entwickelt haben. Sie sind ihren inneren Weg bis zur Vollkommenheit gegangen und verkörpern das Vorzüglichste, das im menschlichen Körper auf diesem Planeten erreicht werden kann.

 

Der Gelassene bewertet und verurteilt nicht, er fließt mit und ist dabei interessiert und engagiert.
Redaktion

Neben Mitgefühl und Mitfreude ist Metta eine weitere dieser vier herausragenden Geistesqualitäten. Aus buddhistischer Sicht ist Gelassenheit Ausdruck höchster Freiheit und gehört unbedingt zu einem reifen, weisen Geist, der für sich einen akzeptierenden Umgang mit Freude und Schmerz, Verlust und Gewinn gefunden hat. Weil es aber ein spirituelles Ideal ist, gelassen zu bleiben, müssen wir achtgeben, dass wir nicht einfach eine gleichmütige Maske aufsetzen und nach außen hin so tun, als ließe uns das Geschehen völlig unberührt, während wir in Wirklichkeit innerlich heftig aufgewühlt sind. Das wäre nicht wahrhaftig und täte weder uns noch anderen wohl.

Der Gelassene bewertet und verurteilt nicht, er fließt mit und ist dabei interessiert und engagiert. Er strahlt warme Entspanntheit aus und kann Raum geben, zulassen und dabei nachsichtig mit sich selbst und anderen sein.

Dir die Gelassenheit als Leitmotiv zu nehmen wird dich besonders in solchen Zeiten unterstützen, in denen die Welt wieder einmal Kopf steht. Gerade in solchen Zeiten kann die Gelassenheit zu einem Mantra werden, das dich darin unterstützt, nicht vollkommen auszubrennen.

 

10. Loslassen

Mit Loslassen und Verzicht ist gemeint, dass wir zwar allem gegenüber offen bleiben, aber aus Liebe einen Weg einschlagen, der ein Nein zu destruktiven Verhaltens- und Denkweisen mit sich bringt. Loslassen bedeutet nicht Strafe, nicht Verweigerung, sondern Gewinn: Dadurch, dass wir etwas nicht tun, einen Gedanken nicht weiterverfolgen, werden wir gestärkt.

Das bewusste Loslassen führt uns auf dem spirituellen Weg in Daseinsräume, von denen wir bisher kaum etwas geahnt haben. Wer loslässt, hat beide Hände frei. Vielleicht magst du dich in den nächsten Wochen im Loslassen üben, um dann möglicherweise zu erkennen, wie reich du dadurch wirst.

Jede Vollkommenheit ist wie ein Hologramm: Man kann einen Aspekt herausgreifen und entdeckt darin beim tieferen Eintauchen auch die Qualitäten der anderen Vollkommenheiten. Denn in jeder einzelnen Vollkommenheit sind auch alle anderen enthalten. Grundsätzlich fördern alle inneres Wachstum und Transformation. 

 

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