Abgrenzung von den Eltern im Erwachsenenalter: Wie es gelingen kann
Über Typen unreifer Eltern und wie du dich von ihnen löst
Was bedeutet Abgrenzung von den Eltern im Erwachsenenalter?
Abgrenzung von den Eltern im Erwachsenenalter bedeutet, sich emotional, gedanklich und oft auch räumlich von ihnen zu lösen. Wir beginnen, eigene Entscheidungen zu treffen, unsere Lebenspläne selbst zu gestalten und ein Leben aufzubauen, das unseren eigenen Werten und Bedürfnissen entspricht.
Diese Ablösung bedeutet nicht, dass wir unsere Eltern weniger lieben oder keinen engen Kontakt mehr zu ihnen haben dürfen. Wir können sie unterstützen und regelmäßig sehen, ohne unser Selbstwertgefühl oder unsere Entscheidungen von ihrer Zustimmung abhängig zu machen. Emotionale Ablösung von den Eltern im Erwachsenenalter zeigt sich vor allem darin, den eigenen Weg auch dann zu gehen, wenn die Eltern anderer Meinung sind.
Wie merke ich, dass ich mich von meinen Eltern abgrenzen sollte?
Wenn
- der Kontakt zu deinen Eltern dir regelmäßig Energie raubt,
- du starke Schuldgefühle hast und
- kaum eine Entscheidung ohne sie treffen kannst,
kann es sinnvoll für dich sein, dich stärker abzugrenzen. Dieser Schritt ist nicht immer einfach, insbesondere nicht bei emotional unreifen Eltern.
Woran erkennt man emotional unreife Eltern?
Emotional unreife Eltern erkennst du vor allem an wiederkehrenden Verhaltens- und Beziehungsmustern. Häufig stehen ihre eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Erwartungen stark im Vordergrund. Gleichzeitig kann es ihnen schwerfallen, sich in die Perspektive ihrer Kinder hineinzuversetzen, mit deren Emotionen umzugehen oder den eigenen Anteil an Konflikten zu erkennen.
Auch mangelnde Selbstreflexion und ein starkes Kontrollbedürfnis können eine Rolle spielen. Statt Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, wird die Ursache eines Konflikts eher bei anderen gesucht. Für erwachsene Kinder kann das die Abnabelung von den Eltern erschweren, weil sie sich weiterhin für die Gefühle, Erwartungen oder Reaktionen ihrer Eltern verantwortlich fühlen.
Wichtig ist: Auch Eltern machen Fehler, reagieren manchmal unfair oder gehen in Konflikten nicht gut mit Gefühlen um. Das macht sie noch nicht zu emotional unreifen Eltern. Entscheidend ist, ob sich solche Verhaltensweisen regelmäßig wiederholen und die Eltern-Kind-Beziehung dauerhaft prägen.
Welche Typen emotional unreifer Eltern gibt es?
Die Psychotherapeutin Sian Morgan-Crossley unterscheidet in ihrem Buch »Wie werde ich meine Eltern los?« zehn Typen emotional unreifer Eltern, die sich durch unterschiedliche Verhaltens- und Beziehungsmuster zeigen. Diese zehn Elterntypen lassen sich wie folgt unterscheiden:
- Der bestimmende Typ: Will, dass du Dinge auf seine Weise machst, und akzeptiert deine Entscheidungen oder abweichende Vorstellungen nur schwer.
- Der defensive Typ: Fühlt sich durch Kritik oder Widerspruch schnell angegriffen und reagiert mit Abwehr.
- Der loyalitätsfordernde Eltern-Typ: Erwartet, dass du auf seiner Seite stehst, seine Meinung vertrittst und ihn in Konflikten unterstützt.
- Der überforderte Eltern-Typ: Empfindet die eigene Elternrolle häufig als anstrengend und erlebt deine Bedürfnisse schnell als zu viel oder belastend.
- Der beschwichtigende Eltern-Typ: Kann mit unangenehmen Gefühlen wie Traurigkeit, Angst oder Ärger schlecht umgehen und spielt sie mit Aussagen wie »Ist doch alles gut« herunter.
- Der emotional distanzierte Eltern-Typ: Kann nur wenig emotionale Nähe zeigen, gibt kaum Zuneigung und interessiert sich wenig für dein inneres Erleben.
- Der einschüchternde Eltern-Typ: Erwartet Gehorsam und Anpassung. Widerspruch wird schlecht ausgehalten und kann mit Druck oder Einschüchterung beantwortet werden.
- Der launische Eltern-Typ: Lebt seine Stimmungen ungefiltert aus, sodass die ganze Familie seine Launen zu spüren bekommt.
- Der vereinnahmende Eltern-Typ: Mischt sich stark in dein Leben ein und möchte weiterhin gebraucht werden oder Einfluss auf deine Entscheidungen haben.
- Der ständig kritische Eltern-Typ: Vermittelt dir immer wieder das Gefühl, dass das, was du tust oder leistest, nicht ausreichend oder gut genug ist.
Elterntypen und Erziehungsstile werden in der Psychologie genutzt, um unterschiedliche Erziehungs- und Beziehungsmuster zu beschreiben. Die von Sian Morgan-Crossley beschriebenen Typen emotional unreifer Eltern sind jedoch keine psychologischen Diagnosen. Ein Elternteil kann Verhaltensweisen mehrerer Typen zeigen und muss sich nicht eindeutig einer Kategorie zuordnen lassen.
Die Einordnung der Elterntypen kann dir dabei helfen, dich emotional besser abzugrenzen. Wenn du dir bewusst machst, dass das Verhalten deiner Eltern weniger mit dir und mehr mit ihnen selbst zu tun hat, fällt es dir leichter, die Dinge weniger persönlich zu nehmen. Zudem kannst du ihr Verhalten besser vorhersagen und wirst weniger oft enttäuscht.
Woran erkenne ich emotionale Abhängigkeit von meinen Eltern?
Emotionale Abhängigkeit von den Eltern zeigt sich vor allem darin, dass ihre Meinung, Zustimmung oder Stimmung deine eigenen Entscheidungen stark beeinflusst. Du kannst längst selbstständig leben und dich trotzdem emotional abhängig von deinen Eltern fühlen.
Mögliche Anzeichen für emotionale Abhängigkeit von den Eltern sind:
- Du hast schnell Schuldgefühle, wenn du Nein sagst.
- Du rechtfertigst deine Entscheidungen ausführlich.
- Kritik deiner Eltern bringt dich stark ins zweifeln.
- Du verschweigst Entscheidungen aus Angst vor der Reaktion deiner Eltern.
- Du fühlst dich für die Gefühle oder die Stimmung deiner Eltern verantwortlich.
Die emotionale Abnabelung von den Eltern beginnt damit, Abhängigkeiten wahrzunehmen und den Einfluss der elterlichen Reaktionen auf das eigene Leben zu verringern.
Wie kann man sich im Erwachsenenalter von den Eltern lösen?
Sich im Erwachsenenalter von den Eltern zu lösen, bedeutet, alte Beziehungsmuster nach und nach zu verstehen, die eigenen Erfahrungen ernst zu nehmen und Schritt für Schritt mehr nach den eigenen Bedürfnissen und Werten zu leben.
Die emotionale Ablösung von den Eltern braucht häufig Zeit und verläuft nicht immer geradlinig. Drei Schritte können dabei besonders hilfreich sein:
- Verstehen
- Akzeptieren
- Inneren Frieden finden
Drei Schritte für eine erfolgreiche Abgrenzung von den Eltern
Die folgenden drei Schritte inklusive Übungen können dir helfen, dich weniger emotional abhängig von deinen Eltern zu machen.
1. Schritt: Verstehen – alte Muster erkennen
Beim Verstehen geht es darum, herauszufinden, was bestimmte Situationen mit deinen Eltern heute in dir auslösen. Besonders hilfreich ist es, nicht nur auf das Verhalten deiner Eltern zu schauen, sondern auch auf deine eigenen Gedanken, Gefühle und Reaktionen.
Übung:
Nimm eine konkrete Situation mit deinen Eltern und schreibe kurz auf:
- Auslöser: Was ist passiert?
- Gefühl: Was hast du in diesem Moment gefühlt?
- Gedanke: Was ging dir sofort durch den Kopf?
- Reaktion: Was hast du anschließend getan?
- Bedürfnis: Was hättest du in dieser Situation eigentlich gebraucht?
Auf Kritik der Eltern folgt oft automatisch der Gedanke »Ich habe etwas falsch gemacht«, was dazu führen kann, dass man sich rechtfertigt oder nachgibt. Das bewusste Beobachten deiner eigenen Reaktionen kann dir helfen, künftig früher zu erkennen, wann du automatisch in alte Rollen zurückfällst und an welcher Stelle du anders handeln möchtest.
2. Schritt: Akzeptieren und trauern – loslassen, was nicht war
Zur emotionalen Ablösung von den Eltern gehört manchmal auch die Erkenntnis, dass bestimmte Wünsche an die eigenen Eltern vielleicht unerfüllt bleiben. Das kann zum Beispiel der Wunsch nach Anerkennung, Nähe, Verständnis oder einer Entschuldigung sein.
Trauer kann entstehen, wenn du anerkennst, was dir in der Beziehung zu deinen Eltern gefehlt hat. Dabei trauerst du möglicherweise auch um die Hoffnung, dass sich die Beziehung irgendwann grundlegend verändert.
Akzeptanz bedeutet nicht, verletzendes Verhalten gutzuheißen oder vergeben zu müssen. Akzeptanz kann vielmehr bedeuten, die Beziehung so zu sehen, wie sie heute ist, und die eigenen Erwartungen daran realistischer auszurichten.
Übung:
Eine kleine Reflexionsübung kann dir helfen, deine Erwartungen an deine Eltern klarer zu sehen und besser zwischen erfüllbaren und unerfüllbaren Wünschen zu unterscheiden. Frage dich:
- »Was wünsche ich mir bis heute von meinen Eltern?«
- »Was davon können oder wollen meine Eltern mir wahrscheinlich geben – und was eher nicht?«
- »Wie kann ich mir das, was mir fehlt, heute selbst oder in anderen Beziehungen geben?«
3. Schritt: Frieden finden und heilen – Verantwortung neu verteilen
Oft entsteht innerer Frieden, wenn du aufhörst, die Reaktion deiner Eltern kontrollieren zu wollen. Du kannst ruhig und respektvoll kommunizieren. Wie deine Eltern reagieren – ob enttäuscht, verärgert oder verständnisvoll – liegt jedoch nicht in deiner Hand.
Übung:
Teile ein Blatt in zwei Bereiche und schreibe auf:
- Dafür bin ich verantwortlich:
- meine Entscheidungen
- meine Worte und meinen Umgangston
- meine Bedürfnisse und Grenzen
- die Konsequenzen meiner Entscheidungen
- Dafür sind meine Eltern verantwortlich:
- ihre Gefühle und Reaktionen
- ihre Erwartungen an dich
- ihre Enttäuschung oder Zustimmung
- ihr Umgang mit deinen Grenzen
Die klare Trennung zwischen deiner Verantwortung und der Verantwortung deiner Eltern kann besonders hilfreich sein, wenn nach einem Nein Schuldgefühle entstehen. Statt sofort nachzugeben, kannst du dich fragen: »Habe ich etwas Falsches getan – oder fühlt es sich nur ungewohnt an, für mich selbst einzustehen?«
Frieden mit der eigenen Familiengeschichte bedeutet nicht, alles gutzuheißen oder vergessen zu müssen. Er kann darin liegen, die Vergangenheit nicht mehr verändern zu wollen und heute bewusster zu entscheiden, wie viel Einfluss sie auf dein Leben haben soll.
Fazit: So gelingt emotionale Abgrenzung von den Eltern
Emotionale Abgrenzung von den Eltern entsteht Schritt für Schritt. Je besser du verstehst, welche familiären Muster dich bis heute beeinflussen, desto bewusster kannst du entscheiden, was du verändern möchtest. Besonders bei emotional unreifen Eltern kann es Zeit brauchen, Erwartungen loszulassen und neue Grenzen zu entwickeln. Ziel ist eine Beziehung, in der Nähe möglich bleibt, ohne dass deine Entscheidungen dauerhaft von Zustimmung, Schuldgefühlen oder den Reaktionen deiner Eltern bestimmt werden.
Checkliste: Bin ich auf dem Weg zu mehr emotionaler Abgrenzung?
- Ich akzeptiere, dass meine Eltern meine Entscheidungen nicht immer verstehen oder gutheißen müssen.
- Ich erkenne alte Muster in der Beziehung zu meinen Eltern schneller.
- Ich kann meine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und ernst nehmen.
- Ich weiß besser, wofür ich verantwortlich bin – und wofür nicht.
- Ich treffe Entscheidungen zunehmend nach meinen eigenen Werten.
- Ich kann Nein sagen, ohne mich ausführlich rechtfertigen zu müssen.
- Ich halte Schuldgefühle eher aus, ohne meine Grenze sofort zurückzunehmen.