Die drei Bausteine einer guten Entscheidung

Leben & Balance

»Können wir uns mal treffen? Ich stehe vor einer Entscheidung und weiß nicht weiter.« Solche Anfragen erreichen mich oft im Rahmen meiner Arbeit mit jungen Erwachsenen. Im Gespräch mit ihnen bringe ich gerne drei Bausteinen einer tragfähigen Entscheidung ein. Sie lassen sich mit folgenden Fragen ausdrücken: Was kann ich? Was will ich? Was soll ich? 

 

Was kann ich?

Für eine tragfähige Entscheidung braucht es zuallererst ein gutes Fundament. Denn wie ein auf Sand gebautes Haus einem Sturm nicht standhält, so bricht eine auf wackeligem Boden stehende Entscheidung irgendwann wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Grundlage einer guten Entscheidung liegt darin, dass wir unseren Stärken und Schwächen, unserer Biografie und Persönlichkeit Rechnung tragen.

Das bedeutet: In allem, was dir leicht von der Hand geht, woran du Freude hast und was du dir im Lauf des Lebens angeeignet hast – in all dem liegt ein Wink für eine gute Wahl. Wenn du deine Potenziale berücksichtigst, weckt dies Lebendigkeit und Freude. Und: Du gibst das, was nur du zu geben vermagst. Du veränderst und bereicherst dein konkretes Umfeld. 

 

Es ist jeder und jedem anvertraut, das eigene Licht leuchten zu lassen und – auch dadurch – andere zu ermutigen, ihr Licht zum Strahlen zu bringen. 
Melanie Wolfers

In einem bekannten Text von Marianne Williamson heißt es:

»Du bist ein Kind Gottes.
Dich klein zu machen nützt der Welt nicht.
Es zeugt nicht von Erleuchtung, sich zurückzunehmen, 
nur damit sich andere Menschen um dich herum nicht verunsichert fühlen.
Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.
Sie ist nicht in einigen von uns, sie ist in jeder und jedem.
Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis,
das Gleiche zu tun.
«

Marianne Williamson deutet die Größe und Schönheit jedes Menschen religiös: Alle verdanken sich einem göttlichen Ursprung. Allen wohnt ein göttliches Licht inne. Es ist jeder und jedem anvertraut, das eigene Licht leuchten zu lassen und – auch dadurch – andere zu ermutigen, ihr Licht zum Strahlen zu bringen. 

 

Stärken und Potenziale erkennen

Folgende Fragen können das Gespür für die eigenen Stärken und Potenziale vertiefen:

  • Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich mich ganz in meinem Element gefühlt habe. Im Blick auf diese Situationen frage ich mich: Welche meiner Begabungen kamen damals zum Tragen? 
  • Wie war es in den vergangenen Monaten: Was ist mir gut gelungen? Welche Fähigkeiten habe ich dabei eingesetzt?
  • Was fällt mir im Allgemeinen leicht und geht mir locker von der Hand? Was macht Freude und gibt mir einen Energieschub, wenn ich es tue?

Lies im Artikel Erzähl dein Leben neu: Wie Storytelling dir zeigt, wer du bist, wie du deiner Motivation und dem roten Faden deines Lebens auf die Spur kommst.

 

Was kann ich nicht?

Eine tragfähige Wahl baut ebenso darauf auf, die eigenen Grenzen zu berücksichtigen. Tun wir das nicht, steht unsere Entscheidung auf tönernen Füßen. Ja, genau genommen entscheide ich mich gegen mich selbst, wenn ich mich zu etwas entschließe, das meine Kräfte übersteigt. Das meiner Persönlichkeitsstruktur widerspricht. Oder wofür ich nicht genügend Zeit und Energie habe. Eine solche Entscheidung kracht früher oder später in sich zusammen. Man bringt sich fahrlässig in eine Situation der Überforderung und zieht oft auch andere mit hinein.

Auch im Blick auf die eigenen Grenzen lohnt sich eine Selbsterkundung: Ich lasse einige Entscheidungen meines Lebens Revue passieren. Welche erscheinen mir als missglückt? Im Blick auf diese Entschlüsse kann ich mich fragen:

  • Welche Entscheidungen sind nicht gut gelaufen, weil ich mich überfordert habe? Oder überfordern ließ? 
  • Welche sind misslungen, weil ich mich selbst nicht genügend gut gekannt habe? Vielleicht, weil mir nicht klar gewesen ist, worin meine zentralen Bedürfnisse liegen. Oder weil ich blind meinen inneren Antrieben gefolgt bin und meine Ziele aus dem Blick verloren habe.
  • Was hat mich dahin geführt? Oder auch verführt?

 

Was will ich? 

»Können Sie mir bitte sagen, wo ich hinwill?« – Mit dieser kuriosen Frage, die er an Passanten richtete, bringt der berühmte Komiker Karl Valentin die verbreitete Orientierungslosigkeit auf den Punkt. Worauf kommt es mir an? Wofür schlägt mein Herz? Wozu sage ich Ja im Leben? Und wozu Nein? – Diese Fragen stellen sich, wenn wir nach einer richtigen Entscheidung suchen.

Entwickeln wir eine Vorstellung von dem, was für uns wirklich von Bedeutung ist, steht uns ein innerer Kompass zur Verfügung. Mit dessen Hilfe können wir uns orientieren, wenn wir auf eine Weggabelung stoßen und die verschiedenen Alternativen und Ziele abwägen. Daher gehört es mit zum Wichtigsten im Leben zu wissen, was wir wirklich wollen. Und warum.
Der innere Orientierungssinn ist also gefragt – und der gerät schnell unter die Räder.

Wie leicht übertönt das Alltagsrauschen die leise Stimme der Sehnsucht. Im eng getakteten Leben findet sie nur schwer Gehör. Sorgen, Enttäuschungen oder auch die Erwartungen anderer können sie fast zum Schweigen bringen. Und oft melden sich Tageswünsche vorlaut zu Wort – angefeuert durch die Werbetrommel der Konsumgesellschaft – und übertönen die tieferen Herzenswünsche. Doch wer den Mut aufbringt, sich Stille zu gönnen, und regelmäßig bei sich selbst einkehrt, wird die innere Stimme in neuer Klarheit vernehmen. 

 

Wenn wir mit unserem tiefen Wollen in Verbindung sind, wächst die Kraft, auch bei heftigem Gegenwind Kurs zu halten. Dann entscheidet nicht der Wind über unseren Kurs, sondern wie wir die Segel setzen.
Melanie Wolfers

Entdecke deine tiefliegenden Sehnsüchte

Um deutlicher in den Blick zu bekommen, worauf es einem ankommt, erleben viele Menschen Imaginationsfragen als hilfreich. Denn diese sprechen nicht nur das Denken an, sondern den ganzen Menschen: Emotionen, Träume, Phantasien, Körper, Herz, Intuition. Wenn du dich folgenden Fragen zuwenden willst, empfiehlt es sich daher, sie spontan zu beantworten. 

  • Angenommen, ich hätte zwei Leben zur Verfügung – wie würde mein zweites Leben aussehen?
  • Was ist mir das Risiko wert, mich dafür mit all meiner Kraft einzusetzen, selbst wenn ich scheitere?
  • Welche Menschen beeindrucken mich? Und warum?
  • Wenn ich einem Menschen, der heute geboren wird, einen einzigen Rat mit auf seinen Lebensweg geben sollte: Wie würde der lauten?

Abschließend kannst du die eigenen Antworten betrachten und dich fragen: Entdecke ich einen roten Faden, eine tiefer liegende Sehnsucht, die sich durchzieht? 
Die Antwort auf die Fragen »Was willst du? Wofür lebst du?« kann und darf dir niemand abnehmen! Denn die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens lässt sich nur persönlich beantworten. Nur du selbst kannst entdecken und entfalten, welche Ziele und Werte deiner innersten Sehnsucht entsprechen. Und dies geht allein im Dialog mit dir und mit der Welt. Und wenn du dich als spiritueller Mensch verstehst: im Dialog mit dem göttlichen Urgrund des Lebens.

Das Schöne ist: In dem Maß, in dem wir mit unserem tiefen Wollen in Verbindung sind, wächst die Kraft, auch bei heftigem Gegenwind Kurs zu halten. Dann entscheidet nicht der Wind über unseren Kurs, sondern wie wir die Segel setzen!

Mit Melanie Wolfers der eigenen Sehnsucht auf der Spur

 

Was soll ich? 

Um zu einer guten Entscheidung zu finden, gilt es nicht allein, die Scheinwerfer nach innen zu richten und sich zu fragen: Was kann ich? Und was will ich? Vielmehr gilt es zugleich, die Augen für die konkrete Realität zu öffnen und sich zu fragen: Was will die Situation von mir? Was soll ich? 

Der dritte Baustein einer tragfähigen Entscheidung betrifft also die »äußere« Realität. Denn die konkreten Gegebenheiten geben den Spielraum vor, was möglich ist. Und was nicht. Daher braucht es eine gute Balance zwischen dem, was man anstrebt, und den Möglichkeiten, die sich anbieten. Und dies ist alles andere als selbstverständlich. Dies zeigt sich etwa, wenn jemand, getrieben von Ehrgeiz, Luftschlösser baut und irgendwann erbarmungslos abstürzt. Ein gesunder Realismus hingegen gibt Boden unter den Füßen. 

 

Für eine solche Begegnung mit der Wirklichkeit braucht es die Bereitschaft, zu hören und sich berühren zu lassen. Und es braucht Zeit!
Melanie Wolfers

Trau dich, der Wirklichkeit zu begegnen

Darüber hinaus hat die Wirklichkeit, der wir begegnen, uns etwas zu sagen! Sie spricht an, irritiert, lädt ein, fordert heraus ... Es gibt Momente, in denen das Leben einem etwas zuruft: Da werden mir unverhofft Bälle zugespielt oder Brocken vor die Füße geworfen und ich merke: »Da will, ja da muss ich Position beziehen und mich kümmern. Das darf ich nicht links liegen lassen!« So ging es etwa jener Frau, die gebeten wurde, für den Betriebsrat zu kandidieren. Sie hörte sich um, wo ihren Kolleginnen und Kollegen der Schuh drückt. Und als sie die Probleme sah, zauderte sie nicht länger, sondern beschloss, sich zur Wahl aufstellen zu lassen. 

Für eine solch dialogische Begegnung mit der Wirklichkeit braucht es die Bereitschaft, zu hören und sich berühren zu lassen. Und es braucht Zeit! Wer hingegen mit Überschallgeschwindigkeit durchs Leben rast, hochaktiv und ständig auf Achse, dem vergehen bei diesem Tempo Hören und Sehen. 

 

Auf der Slackline 

Jede Wahl stellt einen vor die Aufgabe, die drei Bausteine einer Entscheidung in ein annähernd ausgewogenes Verhältnis zu bringen: 

  1. die eigenen Begabungen, Grenzen und aktuellen Ressourcen;
  2. die Ziele, Wünsche und Werte;
  3. die konkrete Wirklichkeit mit ihren Anforderungen und Möglichkeiten.

Eine kluge Wahl zu treffen meint, zwischen den drei Polen eine lebbare Balance herzustellen. Und das fordert stets neu heraus – vor allem auch, weil diese Pole fast immer in Spannung zueinander stehen. 

Eine solche Spannung zu spüren, ist normal. Und wichtig! Denn eine gesunde Spannung zwischen den Polen einer Entscheidung verleiht dem Leben Elan und Spannkraft. Ein Bild aus der Elektrizität kann dies verdeutlichen: Herrscht zwischen zwei Polen eine zu niedrige elektrische Spannung, kann die Lampe nicht leuchten. Ist die Spannung zu hoch, brennt die Birne durch und es kommt zum Burnout. Eine gut ausgewogene Spannung hingegen bringt die Lampe dauerhaft zum Brennen und macht die Umgebung heller.

Es gibt kein Leben ohne Spannung. Eine kluge Wahl zu treffen bedeutet, dass wir die bestehenden Herausforderungen konstruktiv und kreativ gestalten. Hans-Günther Adler formuliert es so: »In der Spannung zwischen dem Ziel und der Wirklichkeit entdecken wir den Sinn unseres Lebens.«

 

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