Beziehungsmuster durchbrechen: Bindungsangst und Co-Abhängigkeit

Wie unsere Beziehungsmuster unser Liebesleben prägen

Als Ärztin für Psychosomatik und Psychotherapie bekomme ich viele private Einblicke in das Leben meiner Patient:innen. Erst gestern hatte ich eine Therapiesitzung, in der wir die Ähnlichkeiten zwischen Vater und Ehemann einer Patientin aufdeckten. 

Tatsächlich sind solche Ähnlichkeiten in unseren Beziehungsmustern öfter zu finden, als wir denken. Denn diese Muster – also die Beziehung unserer Eltern zueinander sowie zu uns selbst, die uns bereits seit unserer frühesten Kindheit beeinflussen – prägen unser Liebesleben oft bis in unser Erwachsenenalter.

Manche Menschen laufen ein Leben lang vor ihrer Familie weg, andere suchen sich eine:n Partner:in, die oder der mindestens einem der Elternteile gleicht oder mit der oder dem sie eine Beziehung nach dem Vorbild der eigenen Eltern führen. Daher lohnt es sich einmal genauer hinzuschauen, wie deine erlernten Beziehungsmuster deine Erfahrungen beim Dating prägen, um dich von diesen zu befreien. 

Bevor wir genauer in das Aufdecken deiner Beziehungsmuster einsteigen, möchte ich dir zuerst erklären, warum deine Eltern und die Beziehung zu ihnen einen so großen Einfluss auf dich und dein späteres Liebesleben haben. 

 

Die Beziehung deiner Eltern zueinander und vor allem auch zu dir, ist daher wie eine Schablone für das, was du über die Liebe und das Leben in Beziehungen weißt.
Lena Lamberti

Mit deinen Eltern gehst du die erste Liebesbeziehung in deinem Leben ein. Sie sind dir nah und ihr teilt insbesondere in den ersten Jahren mehr oder weniger alles miteinander. Als Baby und Kleinkind machst du erst einmal alles nach, was deine Eltern dir vormachen. Das wird »Lernen am Modell« genannt. Du bist allerdings noch viel zu klein, um das hinterfragen zu können, was dir vorgelebt wird. Daher kannst du gutes Rollenverhalten nicht von schlechtem Trennen.

Gleichzeitig ist dein Gehirn in dieser Zeit noch dabei, sich zu entwickeln, und nimmt alle Einflüsse von außen quasi wie ein Schwamm auf. Alles, was dir deine Eltern immer wieder sagen, und das, was du immer wieder in deren Verhalten beobachten kannst, wird so quasi auch zu deinen inneren Lebensregeln. 

In der Psychologie wird das »innere Repräsentanzen« genannt, das heißt gewisse Muster deiner Eltern sind wie innere Stimmen und Bilder in dir abgespeichert und beeinflussen die Art, wie du dein Leben lebst, verschiedene Situationen erlebst und welche Handlungsoptionen du kennst.

Die Beziehung deiner Eltern zueinander und vor allem auch zu dir ist daher wie eine Schablone für das, was du über die Liebe und das Leben in Beziehungen weißt. Denn auch wenn wir uns unsere Eltern nicht auswählen wie einen Partner oder eine Partnerin, sind wir doch unser ganzes Leben in einer Beziehung zu ihnen. 

Daher bestimmt auch die Art und Weise, wie dich deine Eltern geliebt, wofür sie dich gelobt und getadelt haben und wie sie deine Liebe und deine Wünsche nach Fürsorge erwidert haben, deine Art als erwachsener Mensch in Beziehung zu anderen zu gehen.

 

Angst vor Beziehung?

Personen, die während ihrer Kindheit schlechte Erfahrungen in den Beziehungen zu ihren Eltern gemacht haben – sei es aufgrund von Gewalt, aber eben auch Überfürsorglichkeit und emotionaler Vereinnahmung – haben meist gelernt, mit einer gewissen emotionalen Distanz in zwischenmenschliche Verbindungen zu gehen. 

Das heißt, dass sie sich entweder selbst nicht komplett einlassen oder nur Menschen in ihr Leben lassen, die auch mit angezogener Gefühlshandbremse durchs Leben gehen. Sie vermeiden so die Angst, dass sie sich richtig einlassen müssen und damit enttäuscht oder verletzt werden könnten.

Bindungsangst ist nämlich oft eine Verlustangst oder eine Angst vor erneuter Enttäuschung. Sie soll vor weiterer Verletzlichkeit schützen, bewirkt aber oft Unnahbarkeit und Liebesleid

 

Frau umarmt Mann nachdenklich

Co-Abhängigkeit in Beziehungen

Gleichzeitig kann ein Mangel an Liebe in unseren frühen Beziehungen auch zu einer übergroßen Bedürftigkeit danach führen. Betroffene begeben sich dadurch oft in Abhängigkeitsverhältnisse, vernachlässigen ihre eigene emotionale Gesundheit in der Beziehung und geben mehr, als ihnen guttut, weil sie hoffen, dadurch endlich auch etwas zurückzubekommen. Auch diese Menschen vermeiden in der Regel die Konfrontation mit dem Alleinsein, das für sie negativ besetzt scheint. 

Es ist daher wichtig zu reflektieren, welche Muster in deiner Familie herrschten und wie die Beziehung deiner Eltern zueinander sowie deine Beziehung jeweils zu deiner Mutter und zu deinem Vater deine Sicht auf die Liebe und Beziehungen geprägt haben. Dann kannst du beginnen auszusortieren, was davon gut war und was dir weniger gefällt und welche Gewohnheiten du ablegen möchtest.

Übung: Deine Bindungsmuster aufarbeiten

Um deine Bindungsmuster aufzuarbeiten, braucht es in der Regel ein wenig Zeit, dir all der Muster und Prägungen durch deine Eltern bewusst zu werden. Es kann daher sinnvoll sein, die folgende Übung mehr als einmal durchzugehen und auch im Kontakt mit deinen Eltern sowie in deinen Beziehungen zu anderen Menschen immer wieder zu hinterfragen, welche Muster du in deinem Erleben und Verhalten aufdecken kannst.

Die Übung ist in mehrere Schritte aufgeteilt, diese musst du nicht alle an einem Tag durchführen, sondern kannst sie über mehrere Tage aufteilen. Wichtig ist, dass du dir Notizen zu deinen Erkenntnissen machst, damit du immer wieder zurückblicken und ergänzen kannst. 

 

Schritt 1: Die Beziehung deiner Eltern

Als erstes möchte ich mit dir erforschen, was du von deinen Eltern und durch die Beziehung zu ihnen über die Liebe und das Leben in Beziehungen gelernt hast. Denke daher über folgende Fragen nach:

  • Was hat die Beziehung zwischen deinen Eltern zueinander ausgezeichnet?
     
  • Was hast du dadurch über die Liebe und Paarbeziehungen gelernt?
     
  • Inwieweit setzt sich das, was dir deine Eltern vorgelebt haben, in deinen heutigen Beziehungen fort?

 

Schritt 2: Die Beziehung zu deiner Mutter

Als nächstes erforschen wir die Beziehung zu deiner Mutter und welche Glaubenssätze sich dadurch bei dir entwickelt haben:

  • Wie war die Beziehung zwischen dir und deiner Mutter? Was war gut? Was empfandest du als unangenehm?
     
  • Welches weibliche Rollenbild hat sie dir für Beziehungen mitgegeben? Was hast du davon übernommen? Was davon lehnst du ab?
     
  • Welche deiner Eigenschaften und Verhaltensweisen hat sie gelobt? Was an dir hat sie abgelehnt bzw. welches Verhalten hat sie dir verboten?
     
  • Inwieweit kannst du daraus Parallelen zu deinem heutigen Erleben und Verhalten in Beziehungen ziehen?
     
  • Was hast du von deiner Mutter über Männer bzw. Frauen, Liebe und Beziehungen gelernt?
     
  • Inwieweit prägen ihre Glaubenssätze dein heutiges Erleben mit Männern?

Schritt 3: Die Beziehung zu deinem Vater

Nachdem du die Beziehung zu deiner Mutter genauer erforscht hast, kannst du nun das Verhältnis zu deinem Vater reflektieren:

  • Wie war die Beziehung zwischen dir und deinem Vater?
     
  • Was war gut? Was empfandest du als unangenehm?
     
  • Welches männliche Rollenbild für Beziehungen hat er dir mitgegeben?
     
  • Was hast du davon übernommen? Was davon lehnst du ab?
     
  • Welche deiner Eigenschaften und Verhaltensweisen hat er gelobt?
     
  • Was an dir hat er abgelehnt bzw. welches Verhalten hat er dir verboten?
     
  • Inwieweit kannst du daraus Parallelen zu deinem heutigen Erleben und Verhalten in Beziehungen ziehen?
     
  • Was hast du von deinem Vater über Männer bzw. Frauen, Liebe und Beziehungen gelernt? 
     
  • Inwieweit prägen seine Glaubenssätze dein heutiges Erleben mit Frauen?

 

Nachdem du alle Fragen durchgegangen bist und deine Erkenntnisse aufgeschrieben hast, kannst du nun hoffentlich besser verstehen, wo die Ursachen deiner Bindungsmuster liegen. Doch auch wenn du Ursachen für Bindungsangst oder co-abhängigem Verhalten bei dir findest, musst du nicht den Kopf in den Sand deines Liebeslebens stecken. Beziehungsmuster können auch umgelernt werden.

Mehr für dich