Die Welt der Gefühle (1/2)

Meditation & Achtsamkeit

Jeder von uns kennt plötzliche Stimmungsschwankungen: Am berühmtesten ist wohl der Wutausbruch, den wir meist selbst gar nicht so richtig nachvollziehen können. Woher kommt also diese plötzliche Energie, dieser Knoten in der Magengegend oder der Kloß im Hals, wenn wir sauer oder traurig sind? 

Gefühle sind grob gesagt erst einmal der Gegenpol zu unserem Verstand. Alles, was der Verstand nicht logisch erklären kann, spielt sich auf der Gefühlsebene ab. Die Gesellschaft lehrt uns, Gefühle zu kontrollieren und dadurch immer ein Stück weit zu unterdrücken – wir verbergen Gefühle aber nicht nur vor anderen, sondern immer auch vor uns selbst, um ein gewisses Selbstbild aufrecht zu erhalten. 

 

Was sind Gefühle und wie können wir sie begreifen?

Gefühle sind subjektiv und setzen uns unmittelbar, aber auf sehr individuelle Weise mit unserer Umwelt und mit anderen Menschen in Beziehung. Mit ihrer Hilfe versetzen wir uns in andere hinein und versuchen deren Bedürfnisse zu verstehen. Gefühle schaffen eine persönliche Beziehung und Betroffenheit. Gehen wir bewusst mit unseren Gefühlen um, dann erhalten wir wichtige Informationen über uns selbst, unsere Mitmenschen und unsere Beziehungen zu ihnen, die unserem Verstand möglicherweise ganz verborgen blieben.

Dabei sind Gefühle nicht per se gut oder schlecht – sie machen nur auf innere Spannungen und unerfüllte Bedürfnisse aufmerksam. Fünf Gefühlsfamilien werden in der Traditionell Chinesischen Medizin als Signal eines (körperlichen) Bedürfnisses festgemacht:

  • Angst
  • Aggression
  • Freude
  • Traurigkeit
  • Sorge

Unterdrückte Gefühle, also solche, die wir ignorieren und ins Unterbewusstsein zurückdrängen, können aber unsere Gedanken, unser Verhalten und letztlich unsere Gesundheit beeinflussen. Umso wichtiger ist es, dass wir wieder lernen, unsere Gefühle als solche zu erkennen und entsprechend zu deuten, bevor sie aus uns herausbrechen. Denn nur wenn unsere Gefühle mit unserem Körper und unserem Geist in Einklang sind, können wir körperliche, gesundheitliche und seelische Probleme vermeiden.

 

Wenn wir Gefühle immer unterdrücken und ausblenden berauben wir uns unserer Lebendigkeit.
Redaktion

Gefühle sind Energie

In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist das sogenannte Qi ein zentraler Bestandteil unseres Wohlbefindens und der Gesundheit. Qi steht für die Lebensenergie, die uns innewohnt und über Gesundheit und Krankheit entscheidet. Gefühle stehen in enger Verbindung mit unserem Qi – denn jedes Gefühl ist Energie, die in unserer Körpermitte (also im Bauch- und Brustbereich) entsteht und in unserem Körper fließen können muss.

Wenn wir ein Gefühl unterdrücken oder nicht zulassen, wie zum Beispiel Angst oder Wut, blockiert dieses Unterdrücken das Qi – wir berauben wir uns unserer Lebensenergie. Die Gefühle entladen sich dann unkontrolliert in unseren Gedanken, unserem Verhalten oder in Krankheiten. Körperliche Symptome wie Magenkrämpfe, verspannte Schultern und Kopfschmerzen können die Folge sein, da sich die Emotionen körperlichen Ausdruck verschaffen. Physikalisch lässt sich das mit dem Energieerhaltungssatz veranschaulichen: Energie verschwindet nicht einfach. Wenn sie also nicht fließen kann, weil wir es nicht zulassen, verstärken sich die inneren Spannungen und machen uns langfristig krank. 

Gefühle werden häufig auch symbolisch mit Wasser verglichen. Sie können eingefroren sein wie Eis, sie können schmelzen, fließen, überfluten, überkochen, sich in Luft auflösen oder kondensieren. Wie Wasser sind sie wandelbar und eng mit den Wandlungen der Lebensenergie Qi verbunden.

 

Übung: Innehalten und in den Körper lauschen

Wenn du prüfen möchtest, wie du dich in diesem Moment fühlst, solltest du nicht deinen Verstand fragen und darüber nachdenken. Vielmehr empfiehlt es sich, innezuhalten im Tun, für einen Moment die Augen zu schließen und in den eigenen Körper horchend hineinzufühlen.
Welche Lage im Raum nimmst du gerade ein?
Bemerkst du Verspannungen? Wo fühlst du im Körper, ob du dich wohl oder unwohl fühlst? Achte auf die vielfältigen Empfindungen in deinem Körper.
Wenn da ein Gefühl ist, wo im Körper nimmst du dieses wahr? Und was macht ein Gefühl zum Gefühl – im Unterschied zur reinen Empfindung?

 

Gegenspieler Verstand

Natürlich haben wir von klein auf gelernt, uns zu kontrollieren und im Zaum zu halten. Denn wer seinen Gefühlen immer freien Lauf lässt, wirkt impulsiv und irrational und im schlimmsten Falle so, als wollte er nur nach Aufmerksamkeit eifern. Vor allem junge Mädchen bekommen früh beigebracht, nicht so viel zu weinen oder ihre Wut zurückzuhalten, weil man sonst möglicherweise als zimperlich oder zickig gilt. Doch genau das ist das Problem: Hinter jedem Gefühl steckt eine Ursache, ein Bedürfnis, welches befriedigt werden möchte. Wer nicht auf seinen Körper hört, dem fällt es auch schwer, seine Gefühle wahrzunehmen. 

Schon während wir ein Gefühl erleben, analysiert der Verstand, um welches Gefühl es sich handelt und worauf es sich bezieht. Automatisch vergleicht der Verstand mit früheren Erlebnissen und früher erworbenem Wissen und versucht, das Gefühl zu kategorisieren. Nachdem der Verstand selbst nicht zu fühlen in der Lage ist, geht er unweigerlich in Distanz zum Gefühl. Er betrachtet es sozusagen von oben und fühlt sich in der Regel darüber erhaben. Das Gefühl kann diese Distanz nicht selbst herstellen, es ist stets eins mit sich selbst.

 

Teamarbeit

Auch gesellschaftlich steht der Verstand immer über den Gefühlen. Keine geschäftliche Entscheidung würde akzeptiert, wenn man sie mit seinem Bauchgefühl begründet. Das vernunftsbetonte Denken hat uns soweit geführt, dass wir unseren Gefühlen nicht mehr trauen. 

Hinzu kommt, dass Gedanken größtenteils linear und kausal aufeinander folgen. Gefühle hingegen sind multidimensional, umfassen viele Aspekte und stehen oft in Wechselbeziehung zueinander. Das erschwert das rationale Verstehen von Gefühlen zusätzlich – wir tendieren also dazu, uns nicht über den Weg zu trauen und die Empfindungen als Gefühlsduselei abzutun. 

Jedoch: Auch wenn der Verstand mehr für die Sachebene und das Gefühl mehr für die Beziehungsebene zuständig ist, arbeiten Verstand und Gefühl letztlich doch aufs engste zusammen. Sie ergänzen sich gegenseitig und schließen einander nicht aus

 

Gefühl vs. Gefühlsgedanke

Gefühle erfordern ein geübtes Körpergefühl. Denn oft verwechseln wir Gefühle mit Gedanken. Wenn jemand dir etwa einen Gefallen tut, ist es wahrscheinlich, dass du äußerst, wie dankbar du bist. Das heißt aber noch lange nicht, dass du es auch wirklich fühlst – vielmehr erfordert es die Situation und der gesellschaftliche Umgang, der den Gedanken auslöst, du müsstest dankbar sein. 

Es macht aber einen riesigen Unterschied, ob du darüber nachdenkst, wie du dich fühlen müsstest, oder ob du es wirklich körperlich spürst. Mit einer einfachen Übung kannst du prüfen, ob du Gefühle wirklich hast, oder ob es sich nur um einen Gefühlsgedanken handelt – diese Übung hilft dir auch langfristig, wieder besser auf deinen Körper zu hören und so Gefühle als solche auszumachen und dekodieren zu können:

Jedes echte Gefühl lässt sich im jeweiligen Moment irgendwo im Körper spüren: Als Kribbeln, als Wärme, als Grummeln oder Knoten. Schließe für einen Moment die Augen und versuche zu spüren, wo du gerade die (etwa im obigen Beispiel genannte) Dankbarkeit spürst. Spürst du nichts, handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen reinen Gefühlsgedanken, den du aus sozialer Verpflichtung heraus „fühlst“. 

Was du bei schwierigen Gefühlen tun kannst, haben wir für dich im Artikel Self Care - Deine Gefühle hegen beschrieben.
 

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