Trau dich! Die Kunst, mutig zu sein

Leben & Balance

Seit die Menschheit sich Geschichten erzählt, handeln sie von Heldentaten: Mut ist also etwas, das uns bereits seit Jahrhunderten begleitet – wir sind fasziniert von unbesiegbaren Superhelden, die sich ohne mit der Wimper zu zucken für andere einsetzen und ins Gefecht werfen. Wir empfinden Bewunderung für Menschen, die völlig offen und ehrlich und vor allem ganz bei sich selbst sind, obwohl sie Gefahr laufen, damit bei anderen anzuecken. Wir sind ein wenig wehmütig, wenn Menschen einen großen, augenscheinlich mutigen Schritt wagen, um ihren Träumen nachzugehen. 
 

Was bedeutet also Mut?

Mut bedeutet, dass ich trotz meiner Angst etwas wage. Etwa: Ich treffe eine Entscheidung, auch wenn ich nicht sicher weiß, ob sie wie erhofft aufgeht oder eine andere Wendung nimmt. Ich gestehe jemandem meine Liebe ein, ohne sicher sein zu können, ob meine Liebe ein Echo findet oder im Leeren verhallt. Mut spielt mit unseren Träumen (endlich nach Australien auswandern! Endlich kündigen und das Kinderbuch schreiben!) und einem Unwissen, da wir natürlich nie genau sagen können, was die Zukunft bringt. Mut und Wagnis gehen Hand in Hand – wir wagen etwas, auch wenn wir nicht wissen, was als Nächstes kommt. Und vor allem: Mutig sein bedeutet, die Angst zu überwinden, mit unserem Vorhaben möglicherweise auf die Nase zu fallen. 
 

Mutig sein heißt, dein Leben in die Hand zu nehmen

Wann warst du das letzte Mal mutig? Bist du vielleicht alleine in einen neuen Sportkurs gegangen, ohne zu wissen, was dich erwartet? Hast du in großer Runde eine Frage gestellt, obwohl du dir womöglich die Blöße dabei geben könntest? Hast du eine Ungerechtigkeit beobachtet und gewagt, den Mund aufzumachen und jemandem beizustehen? Mutig sein hat viele Facetten. Nicht immer muss es der Superhelden-Mut sein, bei dem du Katzen von Bäumen und Kleinkinder aus brennenden Häusern rettest und dabei womöglich dein eigenes Leben riskierst. Im Gegenteil, schon wenn du im Kleinen mutig bist, riskierst du, dein Leben zu 100 Prozent zu leben.
 

Die Kunst, mutig zu sein, ist eine Kunst, die den Mut zur Verletzbarkeit mit einschließt.
Melanie Wolfers

Die Kraft liegt im Kleinen: hallo, Alltagsmut! 

Überlege noch einmal, was du mit Mut und Angst verbindest. Die beiden Begriffe sind kein klassisches Gegensatz-Paar, sondern arbeiten streng genommen Hand in Hand. Denn Mut ohne Angst wird zu Tollkühnheit und Leichtsinn. Und Angst ohne Mut hält uns klein und sperrt uns in einen Käfig ein.

Die Sache mit der Angst und dem Mut ist: Beides macht verletzlich. Während zu große Angst uns jedoch klein hält, befreit Mut uns und ermöglicht uns, unsere eigenen Grenzen zu sprengen und ein erfülltes Leben zu finden. Wenn wir die Komfortzone verlassen, öffnen wir uns für Neues – womöglich sogar für Dinge, von denen wir gar nicht wussten, wie schön sie sind und wie sie unser Leben bereichern. 
 

Gehen wir noch einmal zurück zum Beispiel Auswandern: 

  • Da hegt jemand lange den Wunsch, nach Australien zu ziehen. Seit dem letzten Urlaub dort sehnt er sich nach der Natur, dem Wetter und der Gelassenheit der Leute. In seiner Fantasie ist sein Leben dort so viel schöner und reicher, als es das jetzt gerade ist.
  • Mut kann für jemanden bedeuten: ich habe meinen Traum ernsthaft geprüft und glaube, dass es richtig ist, ihn umzusetzen. Ich gehe. Ich kündige, löse meine Wohnung auf, verlasse meine Familie und Freunde, packe meine Koffer und ziehe weg. 
  • Natürlich kann derjenige in diesem Moment nicht wissen, ob der Alltag in Australien seinen Vorstellungen entspricht, ob er einen Job oder sozialen Anschluss findet. Vielleicht kommt er nach einem Jahr wieder zurück in die Heimat, weil es nicht geklappt hat. Aber er war mutig, er hat sich getraut, trotz der Angst im Gepäck den Schritt zu wagen; sich dabei verletzlich zu machen und zu riskieren, auf die Nase zu fallen. 
  • Doch egal, wie es ausgeht, er hat etwas gelernt: Er hat Gefühle erlebt, die er im Alltagstrott niemals erlebt hätte. Er ist an den neuen Herausforderungen gewachsen und hat etwas dazu gelernt. Er hat sein eigenes Leben in die Hand genommen und aktiv gestaltet, anstatt in seinem Zustand zu verbleiben und einfach „vor sich hin“ zu leben. 
     

Wer nicht wagt, hat schon verloren

Mut bedeutet also, das Scheitern als Möglichkeit zu akzeptieren – und den nächsten Schritt trotzdem zu wagen. Wer erst einmal begriffen hat, dass er sein Leben auf Autopilot lebt, der möchte höchstwahrscheinlich etwas ändern. Dann ist das Risiko, hinzufallen, nichts gegen den Gedanken, seine kostbare Zeit damit zu verschwenden, in den gewohnten Bahnen zu schwimmen und womöglich Dinge zu tun, mit denen man sich tief drinnen gar nicht identifiziert. 

Und generell gilt: Wer nicht wagt, hat schon verloren! Denn natürlich kannst du kräftig auf die Nase fallen, aber wenn du es gar nicht erst probierst, kannst du auch nicht gewinnen. Wenn unser Beispiel-Auswanderer nicht den Mut gefasst hätte, seinem Traum zu folgen und nach Australien zu gehen, hätte er sich selbst gar nicht die Chance gegeben, dort glücklich zu werden. 
 

Zeig dich!

Wenn wir also unsere Verletzlichkeit gegen Sicherheit eintauschen möchten, zahlen wir am Ende des Tages einen hohen Preis. Nicht nur verlieren wir den Kontakt zu uns selbst und unseren innersten Wünschen und Gefühlen, langfristig kapseln wir uns auch von anderen ab. Denn die eben erwähnte Komfortzone (die uns schnell auf den Beifahrersitz auf der Fahrt durch unser eigenes Leben befördert) führt meist dazu, dass wir uns verstellen, um sozialen Normen zu entsprechen und nicht anzuecken – dadurch zeigen wir den Menschen, mit denen wir interagieren, aber auch nie unser wahres Selbst. Auch das kann frustrierend sein, immerhin möchten wir alle für den Charakter geliebt werden, den wir wirklich haben; nicht den, den wir womöglich vorgeben zu haben. 

Auch hier wird wieder klar: Es erfordert Mut, sich zu öffnen und so zu zeigen, wie man ist. Vielen fällt es schwer, ihr wahres Selbst zu zeigen, mit all den Facetten, denn meist ist die Angst vor Ablehnung größer als der Mut, sich ganz offen zu geben. Die Kunst, mutig zu sein, ist also eine Kunst, die den Mut zur Verletzbarkeit mit einschließt. Und die Angst, die uns (evolutionär veranlagt) vor Leichtsinn und Tollkühnheit warnt und dadurch schützt – die uns aber auch am richtigen Leben hindern kann. 

 

So kannst du mit der Angst umgehen

Die Angst, die gemeinsam mit Mut auftritt, ist eine Angst vor unserer eigenen Verletzlichkeit. Unsere Verwundbarkeit bildet das Einfallstor für Schmerz und Leid, und muss daher strengstens geschützt werden. Dabei tricksen wir uns gerne mal selber aus. Ist dir schon einmal aufgefallen, dass wir gerade in schönen Momenten schnell von einer unerklärlichen Angst überfallen werden? Manche malen sich sogar richtige Horror-Storys aus und können ihr Kopfkino kaum stoppen. Wieso passiert das gerade in glücklichen Momenten? 
Im Grunde ist es ein Schutzmechanismus unserer Psyche: Wir versuchen, dem Unglück mental zuvorzukommen, damit es uns im Ernstfall nicht ganz so hart trifft. Doch damit trickst unser Gehirn uns aus: Denn auf einen wirklich schweren Schicksalsschlag sind wir niemals so gut vorbereitet, dass es uns nicht umhauen würde. Und während wir unsere Freude durch das Ausmalen eines möglichen Super-GAU schmälern, passiert eben genau das: Wir erleben schöne Momente nicht zu 100 Prozent. Und müssen uns womöglich hinterher, wenn wirklich etwas passiert, noch grämen, in der Vergangenheit die glücklichen Momente nicht in vollen Zügen genossen zu haben. 
 

Der erste Schritt zum Mut: Lebe bewusst!

Es ist also höchste Zeit, wieder bewusster zu leben: Der erste Schritt kann schon sein, sich vor Augen zu führen, dass man gerade nur „vor sich hin“ lebt und sein eigenes Leben nicht mehr aktiv steuert. Deswegen musst du noch nicht alles direkt über den Haufen werfen – womöglich führst du bereits das Leben, dass du dir für dich vorstellst. Auch diese Erkenntnis ist natürlich wertvoll. Wichtig ist vor allem, dass du wieder „wach“ wirst und dir Momente am Tag schaffst, an denen du voll da und im Jetzt präsent bist. 

Du kannst zum Beispiel den Tag mit einer kurzen Meditation beginnen oder mit ein paar Dehnübungen – spüre deinen Körper mal wieder so richtig, er trägt dich immerhin wie selbstverständlich durch den Tag. Solche Achtsamkeits-Übungen können wunderbar erden. Und wenn du doch das Gefühl hast, etwas ändern zu wollen: Führe eine Journaling-Routine ein oder schreibe Tagebuch. Schreibe deine innersten Gefühlsregungen auf und lege Ziele fest: Was möchte ich diese Woche erreichen? Wo sehe ich mich in einem Monat? Und wo in einem Jahr? Wenn dich dann die „Aufbruchsstimmung“ packt: Trau dich! Lass es zu, sei mutig – denn was kann schon passieren? Nichts kann so schlimm enden, dass du danach nicht wieder aufstehen könntest; nichts kann so kräftezehrend sein, wie der Gedanke, es unversucht gelassen zu haben. Nutze deine Chance – es ist dein Leben. 
 

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