Vom Mut, sich verletzlich zu machen

Leben & Balance

Wir kennen Mut aus Superhelden-Filmen und aus Erzählungen über couragiertes Handeln, ob in Geschichten oder wahren Begebenheiten. Wir kennen Mut bei uns selbst, wenn wir uns etwas trauen – uns in eine ungewohnte Situation begeben, deren Ausgang wir nicht vorhersagen können. Mut hat also viel mit Unsicherheit zu tun. Und damit, sich verletzlich zu machen. 

Das Wort „couragiert“ deutet es schon an: Wir agieren, handeln, aus dem Herzen heraus (franz. „cœur“). Courage, oder Mut, bedeutet ursprünglich also, sich ein Herz zu fassen und beherzt zu leben. Also ganz bei uns selbst zu sein und auf unser Innerstes zu hören. Mutig sind wir, wenn wir unsere gesellschaftliche Rüstung ablegen und offen ausdrücken, was uns auf dem Herzen liegt.

 

In Beziehungen müssen wir unsere Verletzlichkeit zeigen

Besonders in Freundschaften und in der Liebe ist es wichtig, sich mutig zu geben, im Sinne von: sich so zu zeigen, wie man ist und sich verletzlich zu machen. Nur so entsteht eine wirklich bedeutsame Bindung zwischen uns und den anderen Menschen. Denn Verletzlichkeit steht am Ursprung der für den Menschen wichtigsten Emotionen: Liebe und Zugehörigkeit, Freude, Solidarität und Hoffnung.

 

Verbundenheit gleicht einer Energie, die zwischen Menschen hin- und herfließt, wenn diese sich einander wirklich in aller Offenheit zeigen.
Melanie Wolfers

Genau das ist für viele von uns die Herausforderung: Sich wirklich so zu zeigen, wie man ist und wie man sich fühlt. Oftmals haben wir nämlich die Verbindung zu uns selbst verloren, weil wir alle durch gesellschaftliche Normen beeinflusst werden – von der Erziehung über womöglich unbedachte Äußerungen bis hin zum alltäglichen „Das macht man halt so“. Viele geben dann auf, wer sie wirklich tief drinnen sind, aus Angst, anzuecken oder negativ aufzufallen. Dann erfordert es viel Mut, in sich reinzuhorchen und die soziale Rüstung abzulegen, um der zu sein, der man wirklich ist.

Versteh uns nicht falsch: Natürlich müssen wir Menschen uns aufeinander einstellen und unsere Wünsche und Pflichten miteinander abstimmen. Die Gefahr ist nur, dass wir uns zu sehr auf unser Gegenüber einstellen und nicht mehr in unser Inneres hineinhorchen. Und wenn wir uns zu sehr anpassen, zu sehr selbstoptimieren auf Basis von unglücklichen Momenten in der Vergangenheit (wie einer gescheiterten Freundschaft oder einem verpatzten Date), dann verpassen wir die Chance auf die echte Zugehörigkeit, die wir uns besonders in Freundschaften und Beziehungen wünschen. Denn Verbundenheit gleicht einer Energie, die zwischen Menschen hin- und herfließt, wenn diese sich einander wirklich in aller Offenheit zeigen. 

Zugehörigkeit entsteht allein dort, wo wir uns so authentisch wie möglich zeigen. Und wo wir als die Person angenommen werden, die wir wirklich sind. Zugehörigkeit erfordert also auch, dass wir mutig sind und uns, wortwörtlich, einander zumuten. Dabei müssen wir aber die fundamentale Angst davor, fehlerhaft zu sein und nicht zu genügen, ablegen und uns verletzbar machen: weil wir nicht wissen, wie die Dinge enden.

 

Wir suchen einen Ort der Geborgenheit, wo unsere eigene Existenz nicht infrage gestellt wird.
Melanie Wolfers

Scham ist etwas Gutes – wenn wir richtig mit ihr umgehen 

Im ersten Teil dieses Artikels haben wir uns mit dem Paar Mut und Angst auseinandergesetzt. Doch neben Mut und Angst spielt auch die Scham eine große Rolle, wenn es um Freundschaften und die Liebe geht. Scham gehört zur emotionalen Grundausstattung aller Menschen – und fühlt sich fürchterlich an. Bereits sprachlich zeigt sich das: Wir wünschen uns, im Erdboden zu verschwinden. Scham ist so schlimm, dass wir uns danach sehnen, in diesen Momenten nicht zu existieren. Scham ist eng mit dem Scheitern verknüpft. Sie löst das Gefühl aus, nicht zu verdienen, eine Verbindung zu jemand anderem zu spüren und deckt einen Mantel des Schweigens über unsere vermeintliche Fehlerhaftigkeit. 

Scham bewirkt, dass wir uns klein fühlen. Deswegen lassen wir uns nicht zu tief in die Karten schauen, damit niemand mitbekommt, wie verletzlich wir sind – so kann uns niemand belächeln; aber wir leben auch nicht in voller Gänze und aus dem Herzen heraus und können keinen Kontakt zu anderen Menschen herstellen. 

Dabei sucht der Mensch genau danach: Kontakt zu anderen Menschen, einen Ort der Geborgenheit, wo die eigene Existenz nicht mehr infrage gestellt wird. Einen besonderen Stellenwert haben dabei Freundschaften und Liebesbeziehungen. Denn es fällt viel leichter, entschlossen und offen zu leben, wenn es Menschen an unserer Seite gibt, auf die wir bauen und vertrauen können – denn dann ist es einfacher, sich selbst anzunehmen; wenn man sich selbst angenommen fühlt.

In der Gegenwart einer solchen Vertrauensperson können wir lernen, mit uns klarzukommen, so wie wir sind. Steht jemand glaubhaft zu uns, dann verleiht das Sicherheit. Es ist, als würde uns jemand fest an den Füßen halten, während wir uns aus dem Fenster lehnen. Ihre Bestätigung für uns bestärkt uns in der Reise zu unserem eigenen Selbst. 

Empfinden wir in solch bedeutsamen Beziehungen also Scham, kann das wie ein Seismograf wirken, der anschlägt, wo wir mit uns und mit dem anderen im Unreinen sind. Die Lösung: Öffne dich!

 

Liebe macht verletzlich – und belohnt dich mit enger Verbundenheit

Verletzlichkeit zu riskieren ist der Weg zueinander und zu uns selbst: Dann kommen wir mehr in Kontakt mit uns selbst und mit den Menschen, die uns etwas bedeuten. Einer vertrauten Person kann man sich ganz bedürftig zeigen, man kann sich verletzlich machen. Wichtig ist nur, dass du folgendes beachtest: 

  1. Vertrauen baut sich langsam auf – winzige Augenblicke stärken unser Vertrauen oder knacksen es an; es kommt nicht auf die großen Gesten an.
  2. Es ist und bleibt ein Wagnis, einander zu vertrauen: Vertrauen ist wie das Gehen über eine Brücke, die gerade erst, Schritt für Schritt, gebaut wird. Wir müssen jeden nächsten Schritt wagen und damit riskieren, womöglich abzustürzen.
  3. Vertrauen ist das Ergebnis von riskierter Verletzlichkeit. Wer Liebe will, muss diese Verletzlichkeit wagen, anders funktioniert es nicht. Wir bleiben bei Redewendungen: Im Englischen heißt sich verlieben „to fall in love“. Im Deutschen sagt man auch „ich kann dich leiden“. Beides zeigt, wie nah Liebe und Verletzlichkeit beieinander liegen. Tiefe Freundschaften und Liebesbeziehungen werden uns immer wieder auch zum Weinen bringen. Denn Verletzlichkeit steht am Ursprung von Freundschaft und Liebe und bleibt eine ihrer Grundbedingungen.

 

Je offener und verletzlicher wir uns einander zeigen, umso mehr berühren wir einander innerlich.
Melanie Wolfers

Wahr bleibt leider auch: Nicht jeder wird dich mit offenen Armen empfangen, sondern dir womöglich die Kritik widerspiegeln, die sie eigentlich gegen sich selbst richten – doch es gibt sicherlich ein paar Personen, denen du dich ganz offen anvertrauen könntest und auch willst. Behalte diese Menschen immer im Hinterkopf – allein das wird dir die nötige Sicherheit geben, mit deinen vermeintlichen Selbstzweifeln umzugehen. Und das wiederum hilft dir auch, dich in dieser Verletzlichkeit zu öffnen.

In mehreren Studien hat die Sozialwissenschaftlerin Brené Brown verschiedenste Menschen gefragt: „Was macht erfüllende Beziehungen für sie aus?“ Personen, die sich mit anderen verbunden fühlen, brachten das in direkten Zusammenhang damit, dass sie sich in einer Beziehung verletzlich machen können und die eigenen Unvollkommenheiten nicht schamhaft verbergen müssen.

Das ist der Knackpunkt: Es braucht Mut, die Grenzen zu überschreiten, die Angst und Scham aufbauen. Doch nur, wenn wir diese Schritte ins Ungewisse wagen, geben wir unseren Beziehungen die Chance, dass sie lebendig bleiben und sich die Verbindung zwischen zwei Menschen weiter vertieft. Je offener und verletzlicher wir uns einander zeigen, umso mehr berühren wir einander innerlich. 

Die amerikanische Psychotherapeutin Virginia Satir hält fest: „Das größte Geschenk, das ich einem anderen Menschen machen kann, ist, ihn zu sehen, ihm zuzuhören, ihn zu verstehen und ihn zu berühren. Wenn das beiderseitig gelingt, ist man sich wirklich begegnet.“ Und schon der Philosoph Theodor W. Adorno wusste: „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren“. 

In der Liebe und in der Freundschaft, und in der Offenheit und Verletzlichkeit, die wir ganz mutig in diese Beziehungen einbringen, finden wir also letztendlich wieder zu unserer inneren Courage zurück; indem wir zu uns selbst finden.

 

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