Die Welt der Gefühle (2/2): Die 5 Gefühlsfamilien und ihre Wirkung im Körper

Meditation & Achtsamkeit

Gefühle. Wir alle durchleben am Tag meist mehrere Gefühle und Empfindungen – wir sind genervt, wenn der Wecker zu früh klingelt, lachen herzhaft mit den Kollegen, machen uns Sorgen um eine Freundin, die seit Tagen traurig ist. Manche Menschen sind dabei gefühlsbetonter als andere, doch wir alle erleben unsere Emotionen, die sich in unserem Körper ebenso wie in Gedanken abspielen. Dabei sollten wir unsere Gefühle nicht unterdrücken, sonst können sie uns krank machen. Das ist leider in unserer heutigen Gesellschaft, in der Gefühle zeigen oft mit Schwäche gleichgesetzt wird, schwieriger denn je.

Dabei sind Gefühle nicht per se gut oder schlecht – nach der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) machen sie uns lediglich auf innere Spannungen und unerfüllte Bedürfnisse aufmerksam. Dabei unterscheidet TCM zwischen fünf Gefühlsfamilien, in denen sich unsere (unterdrückten) Bedürfnisse äußern: 

  • Angst
  • Aggression
  • Freude
  • Traurigkeit
  • Sorge

Diese fünf Emotionen sind laut TCM eng mit körperlichen Symptomen verknüpft, die uns krank machen können, da jedes Gefühl sich in einer gewissen körperlichen Region regt und so – unterdrückt – für Unbehagen und Krankheitssymptome sorgen kann.

 

Unterdrücken wir unsere Gefühle, können sie uns krank machen.
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Die fünf Gefühlsfamilien: So wirken sie

Gefühle wie Angst und Aggression sind angeborene Gefühlsregungen, die evolutionär gesehen das Überleben unserer Vorfahren gesichert haben. Wenn wir diese Gefühle jedoch nicht ausleben können, sie unterdrücken oder sie gar nicht als Gefühle registrieren und akzeptieren, können sie uns krank machen. 

Besonders Angst macht sich nicht unbedingt als solche bemerkbar (denn wir stehen zum Glück nur noch selten einem wildem Tier gegenüber), sondern tritt nur als körperliches Symptom wie ein Schweißausbruch, Schwindelgefühl oder Gelenkschmerzen in Erscheinung. Auch die gesellschaftlich gelernten Reaktionen auf Angst wie das Vermeiden von angstauslösenden Situationen oder das Aufbauen eines vermeintlichen Schutzwalls (wie das Vermeiden von Aufzügen bei Platzangst oder die Überwachungskamera gegen Einbrecher) vertuschen quasi das ursprüngliche Gefühl der Angst. Unsere Reaktionen sind so also gar nicht mehr der Angst zuzuordnen – das Gefühl wurde ins Unterbewusste zurückgedrängt. 

Die Folge: Wenn Schlüsselreize das Gefühl der Angst auslösen, die Energie aber (weil wir die Angst nicht anerkennen) nicht fließen und sich so abbauen kann, sucht sie sich andere Wege. Kalter Schweiß, Übelkeit, Durchfall und Erbrechen können die Konsequenz sein, die Angst kann sogar ganze Organe befallen, bis hin zur Ohnmacht. Erst durch spannungslösende Reaktionen, wie Weinen, können die Angst auflösen.

Wie können wir uns den Energiefluss von Gefühlen vorstellen? Angst etwa ist der reflexartige Impuls, die Lebensenergie schützend ins Innere zu ziehen – das kann man sich vorstellen wie eine Anemone, die ihre Tentakeln bei plötzlicher Berührung oder Gefahr ins Innere zieht und sich verschließt. Deswegen zieht sich unser Magen auch schlagartig zusammen, und weil sich die Arterien verengen bekommen wir kalte Hände, unser Herz schlägt schneller und die Atmung wird flacher. Das Beispiel der Angst macht deutlich: Gefühle sind tatsächliche Bewegungen unserer Lebensenergie in unserem Körper.

 

Die einzelnen Gefühlsfamilien wirken auf bestimmte Bereiche unseres Körpers.
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Ähnlich wirken die anderen Gefühlsfamilien auf bestimmte Bereiche unseres Körpers: 

  • Aggressionen lassen sich nach TCM dem Funktionskreis Leber-Gallenblase zuordnen. Körperliche Symptome sind etwa Magenprobleme, allergische Reaktionen, Juckreiz, Krämpfe, Kopfschmerzen und einseitige Schulterschmerzen.
  • Im Gegensatz zu Angst und Aggressionen öffnen Freude und Liebe unser Herz, während eine Überforderungen auf Gefühlsebene unser Herz verschließen kann. Diese Gefühle äußern sich dann mit körperlichen Symptomen, wie Konzentrationsproblemen, Sprechstörungen, Schlaflosigkeit, Herzklopfen, Unruhe und Aufregung. 
  • Trauer und Traurigkeit belasten die Lunge – das sorgt für den berühmten Kloß im Hals. Hier staut sich dann unsere eigene Lebensenergie so sehr, dass sie sogar zu Schmerzen führen kann. Durch Weinen löst sich dieser Druck und wir finden Erleichterung, ebenso wie durch einen tiefen Seufzer. Symptome eines geschwächten Lungen-Funktionskreises nach TCM sind Kurzatmigkeit, Niedergeschlagenheit, Druck in der Brust und Atemnot, Müdigkeit und Energielosigkeit sowie Husten.
  • Sorge kommt aus einer gesunden Mitte, also dem Bauchbereich – sie steht in der Mitte zwischen den anderen vier Gefühlsgruppen und kann jeweils in diese übergehen. Nach TCM äußert sich übermäßige Sorge in Störungen von Milz und Magen, was sich durch Durchfall oder Verstopfung, Blähungen, Übergewicht, Schwäche, Rheuma und Diabetes zeigt.

Deswegen können uns (unterdrückte) Gefühle krank machen: Die Gefühlsfamilien und damit zusammenhängenden Organfunktionen stehen in enger Wechselwirkung miteinander. Angst etwa schränkt die Freude ein, Wut würgt Mitgefühl und Fürsorge ab. Freude wiederum vertreibt Traurigkeit und öffnet unser Herz und so auch unseren Brustbereich für tiefe Atmung. Die Wechselwirkungen zwischen Gefühlen hängen stark von unserer zirkulierenden Lebensenergie, dem Qi ab – und wie offen wir mit den jeweiligen Emotionen umgehen.

 

Das können wir von unseren Gefühlen lernen

Nur, wenn wir die Gefühle richtig erleben, anstatt sie von außen und mithilfe des Verstandes zu betrachten, können Gefühle nämlich geheilt werden und somit im Gegenzug auch unsere körperlichen Leiden heilen. Denn das bewusste Erleben von Gefühlen heilt uns von den Symptomen, die Ausdruck ihrer unterdrückten Existenz sind. Das Wichtigste ist daher, dass wir mit unseren Gefühlen in Kontakt bleiben bzw. den Kontakt wiederherstellen, den wir durch (gesellschaftlichen) Druck oder die Angst vor dem Erleben der Gefühle verloren haben. Dann können wir mit jedem Mal etwas dazu lernen: 

  • Angst lehrt uns Achtsamkeit und Gelassenheit
  • Aggression lehrt uns gesundes Selbstbewusstsein sowie die Fähigkeit zur Mäßigung
  • Freude lehrt uns, über uns selbst hinauszuwachsen, ebenso wie wir lernen, dass man jeden Moment abstürzen kann und Freude nicht ewig währt – das wiederum stärkt die Toleranz für Angst und Sorge
  • Sorge lehrt uns Toleranz und Verantwortung nicht nur für uns selbst, sondern auch andere
  • Trauer lehrt uns Demut und die Fähigkeit, loszulassen

All diese Gefühle sind Teil unseres Lebens.

 

Innere Stärke, Gelassenheit und Entspannung sind wichtig, damit das Qi frei fließen kann.
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Wie können wir wieder lernen, mit Gefühlen umzugehen? 

Aus fernöstlicher Sicht fühlen wir uns nur richtig lebendig und gesund, wenn unsere Lebensenergie, unser Qi, richtig fließen kann und nicht durch unterdrückte Gefühle blockiert wird. Einen Energiestau durch verdrängte Gefühle bemerken wir meist dann, wenn wir uns bestimmter Körperfunktionen konkret bewusst werden: Erst Atemnot etwa macht uns die Notwendigkeit des Atems, das so selbstverständlich und unbemerkt verläuft, bewusst. Vor allem innere Stärke, Gelassenheit, Entspannung und innere Öffnung sind also wichtig, damit das Qi nicht blockiert wird. Deswegen ist es essentiell, dass wir unseren Gefühlen offen begegnen und sie bewusst auf allen Ebenen – also denen von Körper, Emotionen und Gedanken – erleben und integrieren.

 

5 Schritte zu deinen Gefühlen

Mit diesen fünf Schritten kannst du lernen, die Verbindung zu deinen Gefühlen wiederherzustellen:

  1. Wahrnehmen, was ist: Nimm deine Gefühle in dem Moment wahr, in dem sie passieren und lebendig sind! Achte darauf, noch nicht zu versuchen, sie zu verstehen! 
  2. Zulassen, was kommt: Mache keinen Unterschied zwischen angenehm und unangenehm, sondern nimm alles so an, wie es kommt. Nur dann kannst du dir bewusst werden, was das Gefühl wirklich ist, das sich in dir rührt. Der Verstand würde es gleich im Keim ersticken. Nimm deine Gefühle ernst und versuche nicht, sie mit Logik und Verstand herunterzuspielen oder ihnen die Berechtigung zu entziehen.
  3. Annehmen von ganzem Herzen: Nimm das Gefühl jetzt an – auch hier sollte sich der Verstand noch nicht einschalten. Hör deinem Innersten zu, dann wirst du wahrscheinlich merken, dass sich etwas schon seit längerer Zeit vernachlässigt fühlt. Wehr dich nicht gegen das, was dich gerade bewegt. 
  4. Im größeren Kontext erfassen: Jetzt darf der Verstand ins Spiel kommen – aber nicht aus dem tatsächlichen Verstand hinaus, sondern aus dem Unterbewusstsein. Du kannst dir Fragen stellen wie „Warum kommt solch eine große Wut in mir auf? Was ist es, das mich stört? Welches Bedürfnis steht dahinter, das so unerfüllt bleibt? Was bräuchte ich gerade?“ 
  5. Loslassen und Bewusstsein zulassen: Bewusstsein bedeutet Achtsamkeit und die Bereitschaft, jeden Augenblick mit allen Sinnen wahrzunehmen. 

Diese fünf Schritte erfordern Geduld und Arbeit. Aber es lohnt sich – denn jedes Unterdrücken verstärkt das verneinte Gefühl, der Schlüssel zum Glück ist daher Gelassenheit. Gelassenheit bedeutet in dem Falle, dass Ereignisse und Gefühle zwar achtsam beobachtet, aber erst einmal nicht kommentiert oder verurteilt werden; Angst, Aggression, Freude, Sorge und Trauer zwar zu spüren, aber nicht direkt zu reagieren, sondern alles so sein zu lassen, wie es im Moment ist. 

Ohne Wertung fällt es uns nämlich leichter, sowohl das Angenehme als auch das Unangenehme gleichermaßen gelassen anzunehmen und zu akzeptieren. Denn das Leben verläuft in Wellen – niemand ist dauerhaft gleichermaßen glücklich und zufrieden. 

Das (An-)Erkennen von Gefühlen heilt nicht nur auf physischer Ebene – es hilft auch, dass wir uns selbst als Person besser kennen lernen und mit unserem Innersten und unserer Lebensenergie, dem Qi, in dauerhaftem Kontakt stehen.

Noch mehr zur Welt der Gefühle und warum Gefühle und Verstand ein Team sind, liest du im Artikel Die Welt der Gefühle (1/2).

 

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