Entscheiden Darmbakterien über Gesundheit und Krankheit?

Gesundheit & Ernährung

Viele kennen inzwischen das Wort „Mikrobiom“. So bezeichnet man die Abermilliarden Einzeller, die in unserem Darm täglich leise und manchmal auch laut vor sich hinarbeiten. In der ein oder anderen Form existieren Sie bereits seit Millionen Jahren, aber in den letzten fünf Jahren erzählt man sich wundersame Dinge über unsere Mitbewohner. Von Autismus bis Übergewicht, ja sogar Schizophrenie, sollen sie mit entscheiden. Wie mächtig ist das Mikrobiom also wirklich?
 

Was beeinflusst unser Mikrobiom?

Eins ist klar: Jeder Mensch auf dieser Welt hat ein Mikrobiom, von Geburt an. Unsere Ernährung, aber auch andere Umweltfaktoren wie die vorherrschende Mikroflora, Krankheiten, Therapien und vieles mehr beeinflussen die Zusammensetzung unseres Mikrobioms. Daraus folgert logischerweise, dass das Mikrobiom eines Europäers sich in der Zusammensetzung von dem eines Asiaten unterscheidet, und sogar von dem eines Nordamerikaners oder Australiers. Allein die unterschiedlichen Ernährungs- und Lebensstile sind schon ausreichend, um das Mikrobiom zu beeinflussen.

Wie wir wissen, hat die Menschheit auch vor der Entdeckung des Mikrobioms bereits beträchtliche Fortschritte bei der Steigerung der Lebenserwartung gemacht, das Mikrobiom hat also anscheinend lange ohne unser Wissen gute Arbeit geleistet. Nun, da der Forschungszweig starken Aufwind erlebt hat, versprechen einige Wissenschaftler, und vor allem populärwissenschaftliche Ratgeber, dass wir mit der „richtigen Mikrobiom-Diät“ schlanker, schöner und sogar schlauer werden können. Also genau das, was diverse andere Diät- und Ernährungsweisen schon seit über 100 Jahren erfolgreich versprechen, aber nie einhalten konnten. Oder müssten sonst die Raten an Übergewicht und Adipositas nicht seit Jahrzehnten eher abnehmen als zunehmen? 
 

Die Forschung steht noch am Anfang

Also ehrlicher wäre es, die Ratsuchenden über zwei Aspekte aufzuklären. Die aktuellen Erkenntnisse zum Einfluss des Mikrobioms befinden sich noch in einem Stadium der Grundlagenforschung. Sämtliche Versuche mit besonderen Lebensmitteln oder Ernährungsweisen, die Darmgesundheit der breiten Bevölkerung zu optimieren, sind bislang fehlgeschlagen. Nicht umsonst musste ein bekannter Joghurt-Hersteller von einigen Jahren die Behauptung „Stärkt die Darmgesundheit“ wieder von all seinen probiotischen Joghurts entfernen, nachdem die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit auch nach zahlreichen Studien und über 100 Millionen Euro Forschungsausgaben auf Kosten des Herstellers keinen wissenschaftlichen Beweis für die Wirksamkeit zu sehen bekam.
 

Die perfekte Mikrobiom-Zusammensetzung ist nicht bekannt 

Unzweifelhaft ist, dass unser Mikrobiom einen Einfluss auf unser Wohlbefinden ausübt, aber über das Ausmaß ist anhand der bloßen Messung der Zusammensetzung der Bakterienarten keinerlei Aussage möglich. Die perfekte Zusammensetzung ist schlichtweg nicht bekannt, denn dazu müssten über Jahrzehnte Hunderttausende Menschen aller Kontinente vermessen werden.

Und damit kommen wir zum zweiten Punkt: Wenn ein Europäer ein anderes Mikrobiom besitzt als ein Asiate, so hat auch ein stark übergewichtiger Mensch ein anderes Mikrobiom als ein normalgewichtiger Mensch oder ebenso hat ein Veganer ein anderes Mikrobiom als ein Allesesser. Warum? Weil ein Übergewichtiger sich offenkundig anders ernährt als ein Normalgewichtiger und ein Veganer tut dies ebenso im Vergleich zu einem Allesesser.

Ob aber das Mikrobiom durch falsche Ernährung die Entstehung von Übergewicht fördert oder im Falle des Allesessers von Erkrankungen, die einem Veganer angeblich erspart bleiben sollen, ist damit längst nicht gesagt. Solche Verzerrungen von Ursache und Wirkung treten in der Wissenschaft immer wieder auf, der Volksmund bezeichnet sie als „Henne-Ei-Problem“. 

 

Gut für unser Mikrobiom: Ballaststoffreiche Nahrung

Wir halten also fest: Genaues weiß man nicht. Was allerdings fest steht und bereits seit Jahrzehnten gut belegt gilt, ist, dass eine ballaststoffreiche Ernährung auch die optimale Ernährung für unser Mikrobiom ist. Übertreiben muss man es damit aber auch nicht, denn sonst arbeitet es wie eingangs angedeutet auch mal eher lauter als leise. Lies hier noch mehr Tipps für eine darmbakterienfreundliche Ernährung.

Hier geht es zu den Artikeln meiner Reihe »Ernährungsmythen aufgeklärt«:

 

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