Ernährungsmythen aufgeklärt: »Fleisch ist krebserregend«

Gesundheit & Ernährung

Ein Blick in die Menschheitsgeschichte

Die Neuigkeiten, die 2015 von der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation durch die Nachrichten gingen, ließen die Welt aufhorchen: Wurst und rotes Fleisch sind krebserregend. Auf der einen Seite empörten sich die Landwirte und Fleischfabrikanten, auf der anderen Seite jubelte die Veggy-Fraktion. Aber kann Fleisch wirklich Krebs auslösen?

Fleisch war und ist ein Grundnahrungsmittel – Die Menschheit hat spätestens seit der Entstehung der Gattung Homo vor zwei Millionen bereits gelegentlich Fleisch verzehrt, so viel ist klar. Vor mehr als 10.000 Jahren entstand die Landwirtschaft und damit wurden Rinder, Schweine und Geflügel gezielt für den menschlichen Konsum gezüchtet. Ab 1850 stieg der Fleischverbrauch in Deutschland von rund 40 Kilogramm pro Kopf immer weiter an, heute sind es um die 60 Kilogramm pro Kopf.

Gleichzeitig stieg durch eine verbesserte medizinische Versorgung und ausreichend Lebensmittel auch die Lebenserwartung der Menschen. Um 1900 wurden die Menschen in Deutschland 40 Jahre alt, heute sind es rund 80 Jahre. Warum das wichtig ist? Nun, Krebs hat viele Ursachen. Meistens wirken mehrere Faktoren zusammen, sodass ein Tumor überhaupt entstehen kann. 

 

Wie Krebs entsteht

Eine Ursache sind Fehler in der Erbinformation, die während der Zellteilung entstehen. Normalerweise kann unser Körper sie ausbessern, dafür hat er eigens Reparatursysteme. Doch mit zunehmendem Alter werden nicht nur die Fehler häufiger, sondern auch die Reparatur funktioniert nicht mehr so gut wie in jungen Jahren. Außerdem werden krankhafte Zellen nicht mehr so zuverlässig von unserem Immunsystem „entsorgt“.

Dies alles steigert das Risiko, an Krebs zu erkranken. Wichtig zu merken ist also: Je älter eine Gesellschaft wird, desto häufiger treten Krebsfälle auf. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit den Todesfällen durch Krebs. Diese Zahl wird wesentlich durch die medizinische Versorgung und vorbeugende Untersuchungen beeinflusst.

 

Was sagen die Studien?

Welche Rolle spielt nun Fleisch und Wurst dabei? Wie kommt die Krebsforschungsagentur zu der Beurteilung, dass Wurst krebserregend und rotes Fleisch wahrscheinlich krebserregend ist? Das funktioniert so: In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Ernährungsstudien mit teilweise mehr als 100.000 Teilnehmern durchgeführt. Die Teilnehmer schrieben auf, was sie essen, ob sie rauchten, wie viel sie sich bewegten und vieles mehr. Natürlich sind über die Jahrzehnte auch Krankheiten aufgetreten und Menschen sind verstorben. 

Aus den Daten lassen sich durch statistische Auswertungen Verbindungen erkennen; ob zum Beispiel Fleischesser häufiger Krebs bekamen als Vegetarier. Ob mehr Veganer verstorben sind als Vegetarier und so weiter. In vielen Studien ergab sich der Zusammenhang, dass Menschen, die rotes Fleisch und Wurst aßen, häufiger an Krebs erkrankten als Menschen, die darauf verzichteten. Bei rotem Fleisch war der Zusammenhang weniger eindeutig als bei Wurst, daher heißt es dort offiziell nur „wahrscheinlich“ krebserregend. Weißes Fleisch war harmlos. Bei Wurst hingegen deuteten sämtliche Studien in eine ähnliche Richtung, daher gilt der Zusammenhang als relativ sicher, somit lautete die Bewertung ganz klar „krebserregend“.

 

Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit ...
Malte Rubach

Einordnung ins Große Ganze

Aber was bedeutet das nun für uns Verbraucher? Ein Blick in den Katalog der Krebsforschungsagentur liefert eine wichtige Erkenntnis. Denn in derselben Kategorie finden sich auch noch andere alte Bekannte. Oft werden Asbest und Tabakrauch genannt. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit, dort stehen zum Beispiel auch allgemeine Luftverschmutzung, Sonnenstrahlen und alkoholische Getränke geschrieben. Selbst ein Medikament gegen Brustkrebs, Tamoxifen, ist in der Kategorie „krebserregend“ gelistet. Ein Krebsmedikament, das krebserregend ist?

Auch bei rotem Fleisch stehen in der gleichen Kategorie Dinge wie heiße Getränke (über 65 Grad Celsius), Frittiertes, Acrylamid aus Chips, Brot & Co und sogar Schichtarbeit. Kaffee stand dort auch mal eine Zeit lang, bis sich herausstellte, dass er doch nicht krebserregend ist. 

 

Was bedeutet das jetzt für uns?

Zusammengefasst bedeutet das also: Menschen bekommen Krebs und die Krebsforschungsagentur beobachtet, ob sich die Anzeichen für einen bestimmten möglichen Auslöser verdichten oder in Luft auflösen.

Einschlägige Studien zeigen zudem, dass es zum Einen nicht auf Wurst oder rotes Fleisch an sich ankommt, sondern auf die Menge. Und zum Zweiten auf den gesamten Lebensstil. Allein Übergewicht steigert bereits das Risiko für Krebserkrankungen, daher gilt in allererster Linie: Maßhalten ist die Devise, wenn es um Wurst- und Fleischkonsum geht. 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt zwar, nicht mehr als 600 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche zu essen, plädiert aber dafür, sich eher auf die Hälfte zu beschränken. Damit fährt jeder, der gerne mal ein gutes Stück Fleisch oder seine Lieblingswurst isst, mit Sicherheit sehr gut, bis sich die Krebsforschungsagentur wieder einen neuen Überblick verschafft hat. Vielleicht ereilt rotes Fleisch und Wurst ja einmal das gleiche Schicksal wie Kaffee.

 

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