Ernährungsmythen aufgeklärt (6/8): Kaffee entkalkt die Knochen

Gesundheit & Ernährung

Um dem auf den Grund zu gehen, müssen wir uns zunächst kurz mit dem Knochenstoffwechsel beschäftigen. Grundsätzlich sind unsere Knochen nicht so starre Gebilde, wie man es vermuten könnte, denn schließlich ist ihre Zugfestigkeit vergleichbar mit der von Stahl. Das verdanken sie einer nahezu perfekten Mischung aus Mineralien und Bindegewebe, beides zusammen verleiht Stabilität und gleichzeitig Flexibilität.

Unser gesamtes Leben lang befinden sich unsere Knochen in einem steten Auf-, Um- und Abbau. Kalzium aus der Nahrung wird in die Knochen aufgenommen und bei Bedarf auch wieder abgegeben. Je mehr Kalzium bis Mitte Zwanzig in die Knochen aufgenommen wurde, desto höher ist die Mineralisation des Knochens, die so genannte Knochendichte. Von diesem Zeitpunkt an nimmt die Knochendichte mit dem Alter allerdings ab. Wer also vorher maximal auf das Knochenkonto eingezahlt hat, kann den Rest seines Lebens länger davon zehren.

 

Die Bedeutung von Vitamin D

Damit das funktioniert, gehören noch zwei weitere Faktoren dazu: Vitamin D und Bewegung, am besten an der frischen Luft. Beides trägt maßgeblich dazu bei, dass Kalzium zunächst im Darm besser aufgenommen wird und anschließend in die Knochen gelangt. Nur, wenn der Bewegungsapparat auch ausreichend belastet wird, sorgt der Körper dafür, dass sich die Knochen entsprechend anpassen, indem sie „stärker“ mineralisiert werden.

Vitamin D nehmen wir durch die Nahrung auf, rund 80 Prozent des täglichen Bedarfs produziert der Körper allerdings selbst, wenn er mindestens für eine halbe Stunde pro Tag dem Tageslicht ausgesetzt ist (Handrücken, Unterarme und Gesicht reichen aus).

Knochen, das gilt es auch noch zu sagen, können brechen, egal wie alt jemand ist und egal wie gut sie mineralisiert sind. Es kommt nur auf die Kraft an, die bei einem Sturz oder Unfall auf den Knochen trifft. Allerdings stürzen Menschen ab der Lebensmitte nun einmal deutlich häufiger und die Knochenmineralisierung ist dann auch nicht mehr die beste, sodass es auch wahrscheinlicher zu Knochenbrüchen kommt. Woher stammt also nun der Mythos, dass auch Kaffee die Knochen brüchig macht?

Kaffee hat rein physiologisch keinerlei Einfluss auf den Knochenstoffwechsel
Dr. Malte Rubach

Kalziumpuffer gegen Übersäuerung

Nun, dazu gibt es zwei Erklärungsansätze. Der erste bezieht sich auf die „saure“ Wirkung des Kaffees. Laut den Verfechtern der Säure-Base-Ernährung, ist der Körper beständig in Gefahr zu „übersäuern“. Vor allem, wenn es zu einer übermäßigen Aufnahme säurebildender Lebensmittel kommt, was hauptsächlich tierisches Protein betrifft. Tatsächlich werden durch die Verstoffwechslung bestimmter Aminosäuren (Proteinbausteine) aus tierischen Proteinen vermehrt Säuren freigesetzt.

Bei allen Menschen, die keine Nierenerkrankung haben, werden diese Säuren allerdings ausreichend über die Nieren ausgeschieden, so dass es zu keiner „Übersäuerung“ im Blut kommen kann. Zusätzlich sorgen bestimmte Puffersysteme dafür, dass es im Blut nicht zu einer Übersäuerung kommt, denn dies könnte sonst zu lebensgefährlichen Zuständen führen.

Zwei Puffersysteme stehen dabei auch mit dem Knochen in direktem Zusammenhang: der Kalzium- und der Phosphatpuffer. Beide Mineralstoffe werden aus den Knochen mobilisiert, wenn erhöhter Bedarf besteht. An Phosphat mangelt es dem Körper in der Regel nicht. Kalziummangel kann hingegen vorkommen, wenn eine einseitige Ernährung vorliegt. Milch- und Milchprodukte stellen bei Männern und Frauen die wichtigsten Calciumquellen dar, sie decken rund 50 Prozent der täglichen Zufuhr ab. Wer darauf verzichten muss oder will, kann mit grünem Gemüse, zum Beispiel Brokkoli, für ausreichend Kalzium sorgen. Oder auch mit einem Kalziumpräparat.

Nährstoffpräparate, die „basisch“ wirken sind also für gesunde Menschen völlig unsinnig. Eine ausgewogene Ernährung reich völlig aus, um die Säuren und Basen in Balance zu halten. Genauso wie Kaffee daher auch nicht „übersäuert“, schließlich enthält er weder Protein noch ist er selbst besonders sauer. Die oft als vermeintliche Übeltäter ausgemachten Chlorogensäuren im Kaffee sind völlig harmlos. Vergleicht man den pH-Wert des Kaffees von knapp sechs mit dem pH-Wert im menschlichen Magen, der bei eins bis zwei liegt (je kleiner der pH-Wert, desto saurer), gelangt jegliche Säure aus dem Kaffee ins Hintertreffen. Kaffee hat also rein physiologisch keinerlei Einfluss auf den Knochenstoffwechsel.

 

Kaffeegenuss in Skandinavien

Bleibt also noch die zweite Theorie: eine skandinavische Studie hat gezeigt, dass insbesondere Frauen, die viel Kaffee trinken, häufiger von Knochenbrüchen betroffen sind. Auch diese Vermutung entpuppt sich schnell als statistischer Unfug. In den skandinavischen Ländern ist der Kaffeekonsum traditionell besonders hoch und trotz einer nachweislich optimalen Kalzium- und Vitamin D-Versorgung ist dort eine auffällig hohe Häufigkeit von Knochenbrüchen zu verzeichnen. Diese lässt sich aber eher durch die im Vergleich zu anderen Ländern geringere Zahl von Sonnenstunden im Jahr erklären, was auch zu weniger Bewegung im Freien führt.

Gleichzeitig wird dort auch viel Kaffee getrunken, weil das bekanntlich schon die Stimmung hebt, wenn es am Morgen dunkel und düster ist – und manchmal auch den ganzen Tag. Rein statistisch kann also eine Korrelation zwischen hohem Kaffeekonsum und vielen Knochenbrüchen gefunden werden, die allerdings genauso wenig begründet ist, wie die Geschichte vom Storch, der angeblich die Babys bringt.


Wer also starke Knochen will, sollte möglichst auf ausreichende Kalziumzufuhr achten und sich viel an der frischen Luft bewegen. Wem es hilft, morgens auf die Sprünge zu kommen, kann gerne auch weiter eine Tasse Kaffee trinken, oder zwei, ganz nach Belieben.

 

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