Ernährungsmythen aufgeklärt (8/8): »Weizen ist ungesund«

Gesundheit & Ernährung

Grundnahrungsmittel Getreide

Die griechische Fruchtbarkeitsgöttin Demeter wird in vielen Überlieferungen als Getreideähre symbolisiert. In den Erzählungen über vergangene Zivilisationen ist oft die Rede von „Kornkammern“, die ganze Völker ernähren konnten. „Unser tägliches Brot“ heißt es im Vater Unser. Selbst heute halten ganze Nationen noch „strategische Getreidereserven“ vor, falls eine Nahrungsverknappung eintreten sollte. Warum ausgerechnet war und ist Getreide offenbar nicht nur symbolisch mit Leben und vitaler Ernährung verbunden? Oder waren schon zur Zeit der Evangelisten Agrar- und Bäcker-Lobbys am Werk, die uns das teuflische Weizenmehl verkaufen wollten?

Nein. Es ist ganz einfach so, dass das kleine Korn fast alles bietet, was der Körper zum Leben braucht: Kohlenhydrate, pflanzliches Eiweiß, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Und nicht zu vergessen, im vollen Korn stecken auch noch jede Menge Ballaststoffe. Diese Mischung macht Getreide per se zu einem Grundnahrungsmittel, das in einer ausgewogenen Ernährung zu Recht seinen festen Platz hat. Und das schon seit Tausenden von Jahren.

Du fragst dich: Was beinhaltet eine ausgewogene Ernährung überhaupt? Dann schau mal hier vorbei!

 

Macht das Gluten den Weizen ungesund?

Doch warum dreschen so viele „ExpertenInnen“ auf den Weizen ein? Häufig geht es dabei um den Inhaltsstoff Gluten. Dazu gibt es inzwischen so umfangreiche Erkenntnisse, die ich im Artikel Gluten ist giftig näher betrachte. Doch hier erstmal so viel: die Wahrscheinlichkeit, dass du oder jemand anders an einer Glutenunverträglichkeit leiden, liegt bei 1 zu 100.

Das ist nicht selten, aber auch längst nicht so häufig, wie man glauben mag, wenn um einen herum das Angebot an „glutenfreien“ Lebensmitteln und Ernährungsratgebern zu dem Thema explosionsartig zunimmt. Bei einem Verdacht liefert ein Test bei einem Arzt sicher und schnelle Aufklärung. Auf keinen Fall solltest du blind einer Empfehlung für eine „glutenfreie“ Ernährung folgen, sei sie auch noch so überzeugend.

 

Wer an einer Glutenunverträglichkeit leidet, verträgt auch keine anderen Getreidearten mit Kleberproteinen.
Dr. Malte Rubach

Der Klebstoff im Weizen

In der Tat, moderne Weizensorten sind so gezüchtet, dass sie einen höheren Anteil an Gluten aufweisen. Das ist wichtig, weil sich so die Backeigenschaften des aus den Körnern gewonnenen Weizenmehls verbessern lassen. Gluten heißt nämlich umgangssprachlich auch „Weizenkleber“ oder „Kleberprotein“ und sorgt dafür, dass während des Backens genügend Elastizität entsteht und gleichzeitig so viel Gashaltevermögen, dass sich die schöne Brotkrume herausbilden kann.

Wenn ein Getreide kein Kleberprotein enthält, dann lassen sich daraus höchstens Fladenbrote backen. Maisbrote sind daher immer recht flach, weil Mais keinen Kleber enthält. Andere Getreidearten wie Roggen oder Hafer enthalten noch etwas eigenes Kleberprotein und können daher gut in Mehlmischungen zum Brotbacken verwendet werden. Roggen allein funktioniert sogar auch recht gut für reine Roggenbrote.

Doch wer ernsthaft an einer Glutenunverträglichkeit leidet, der verträgt in der Regel auch keine anderen Getreidearten, in denen Kleberproteine enthalten sind. Weil aber Weizen nun einmal das Getreide Nummer eins ist, aus dem sich am besten Brote backen lassen und diese in der westlichen Welt am häufigsten konsumiert werden, haben sich in Sachen Ernährung die „Angstmacher“ auf den Weizen eingeschossen. Und es gibt sogar Studien, die angeblich zeigen, wie Weizen ungesund ist und uns krank macht.

 

Macht Weizen uns krank?

Kein Wunder, zunächst lassen sich bei einem hohen Konsum von Weizen und Weizenprodukten statistisch sehr schön Zusammenhänge errechnen, die eigentlich gar nicht zusammenhängen. Es reicht dazu schon aus, wenn zwei Dinge besonders häufig auftreten, damit sich statistisch eine Korrelation errechnen lässt. Steigt also der Konsum von Weizenprodukten an und im gleichen Zeitraum nimmt auch der Anteil der Übergewichtigen in der Bevölkerung zu, dann könnte sich daraus eine schöne Korrelation ergeben. Zum Beispiel: „Konsum von Weizenprodukten führt zu Übergewicht“.

Wie mit den Störchen, die angeblich Babys bringen. So lassen sich auch Schreckensbotschaften über die Häufung von Diabetes, Demenz, Alzheimer, Parkinson und Herzkreislauf-Erkrankungen sprichwörtlich erfinden. Wie sich aber unschwer erkennen lässt, hat bei all diesen Erkrankungen auch die zunehmende Alterung der Bevölkerung einen wesentlichen Einfluss auf die steigenden Erkrankungsraten. Hier die Ursache im Konsum von Weizen, Weizenprodukten oder irgendeinem anderen Lebensmittel zu suchen, kann ein wissenschaftlicher Forschungsansatz sein, allerdings bieten die bisherigen Ergebnisse keinerlei Anlass, sich ernsthafte Sorgen machen zu müssen.

 

Gesunde Ernährung: Nie wieder Weizen?

Der beste Hinweis auf Unbedenklichkeit sind wohl die Italiener: sie lieben weißes Weizenbrot und Weizenprodukte, zählen zu den Nationen mit der höchsten Lebenserwartung und sind im europäischen Vergleich schlanker als alle anderen. Noch ein kleines bisschen älter werden übrigens die Japaner, die bekanntlich kaum Weizenprodukte essen, sondern Reis. Doch, ich hätte es fast vergessen, der soll ja auch ziemlich ungesund sein, wegen der Kohlenhydrate und dem Arsen.

Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als einfach in Maßen zu genießen, was uns die volle Vielfalt der Lebensmittel zu bieten hat. So war es eigentlich schon immer, ist doch gar nicht so schwer.
Halten wir fest: Vollständig auf Weizen verzichten muss niemand, sofern keine Zöliakie oder Weizeneiweißallergie vorliegt - und per se ist Weizen auch nicht ungesund.

 

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