Ein Wegweiser zu wahrem Glück

Meditation & Achtsamkeit

Was ist Glück? hēdonḗ vs. eudaimonía

Wenn wir die tiefere Bedeutung von Glück verstehen wollen, müssen wir zuerst zwischen zwei sehr unterschiedlichen Erlebnisqualitäten unterscheiden, die gemeinhin beide als »Glück« bezeichnet werden: hēdonḗ und eudaimonía.

Unter hēdonḗ versteht man angenehme Erfahrungen wie sinnliche Genüsse oder positive Stimmungen, die von Natur aus kurzlebig und unbeständig sind. Nehmen wir zum Beispiel ein gutes Essen. Nichts gegen einen kulinarischen Gaumenschmaus, aber wenn wir nicht aufhören zu essen, egal wie lecker es ist, hört der Genuss irgendwann auf. Der angenehmen Erfahrung macht alsbald ein Gefühl von Unbehagen Platz, das sich im schlimmsten Fall bis zum Krankheitsempfinden steigern kann.

 

Im Kontakt mit unserem wahren Selbst

Eudaimonía setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern eũ (»in Harmonie« oder »wohl, gut, schön, reich«) und daímōn, ein Wort, mit dem Plato unser höheres Sein, unser wahres Selbst bezeichnete. Eudaimonía besagt im Wesentlichen, im Einklang mit seiner höheren Bestimmung oder seinem höchsten Potenzial zu sein. Bei jener Art von Glück steht nicht die hedonistische Befriedigung im Mittelpunkt, sondern ein sinnerfülltes Leben. Das versetzt uns in die Lage, im Einklang mit unseren tiefsten Sehnsüchten und unserem höchsten Potenzial zu leben. Um dieses echte Glück zu verstehen, müssen wir uns den Ursachen des Leidens zuwenden, die sich unserer Glücksfähigkeit in den Weg stellen: der Glaube, dass wir Glück im Außen finden.
 

Eine entfremdete Gesellschaft

Die moderne westliche Gesellschaft folgt dieser Vorstellung, die vor allem darauf abzielt, die äußeren materiellen Bedingungen für körperliches und seelisches Wohlergehen zu schaffen. In allen alten Kulturen des griechischen und orientalischen Raums hingegen war die Selbsterkenntnis zentrales Element eines sinnerfüllten Lebens. Das entspricht auch der Sichtweise der buddhistischen Psychologie, in der als erste Ursache des Leidens die Unwissenheit gilt oder ávidyā, was auf Sanskrit so viel bedeutet wie »Abwesenheit von Licht«.

In diesem Kontext bedeutet Unwissenheit jedoch nicht einen Mangel an Bildung oder wissenschaftlichen Kenntnissen, sondern die Entfremdung vom eigenen wahren Sein. Mit ihrer einseitigen Ausrichtung auf die Außenwelt und der Vernachlässigung der inneren Dimension des Lebens hat die moderne Kultur des Materialismus jedoch ganz erheblich zu diesem Mangel an Selbstkenntnis beigetragen. Wir suchen unser Glück im Außen auf Kosten der Innenwelt.
 

Die materialistische Sichtweise reduziert alles wahrhaft Menschliche und verhindert die einfache und natürliche Freude an der eigenen Lebendigkeit.
Redaktion

Setzen wir Glück und Erfolg mit materiellem Wohlstand und der gesellschaftlichen Stellung gleich, verstärken wir damit das Gefühl der Entfremdung von uns selbst. Das ist weniger ein Problem von Einzelnen als ein gesellschaftliches und kulturelles Dilemma, mit dem sich viele Menschen konfrontiert sehen. Und dass, obwohl es uns scheinbar an nichts fehlt. Vielen Menschen erschließt sich erst im Angesicht von einer plötzlichen Krankheit, Arbeitslosigkeit oder den Tod eines Angehörigen, dass angesichts existenzieller Bewährungsproben äußere Errungenschaften von geringer Bedeutung sind.

 

Die Beziehung zu deinem wahren Selbst

Ein Leben im Einklang mit den eigenen Wertvorstellungen und dem eigenen höchsten Potenzial im Sinne von eudaimonía ist nur dann möglich, wenn wir uns nach Innen wenden und lernen, den Ursprung von negativen Emotionen zu erkennen und diese zu transformieren. Denn diese diktieren nur zu oft unser Verhalten im Alltag und sorgen dafür, dass wir versuchen, Gefühle wie Einsamkeit, Traurigkeit oder Frustration mit kurzfristigen Befriedigungen im Außen zu stillen. Das Gefühl, von sich selbst abgetrennt zu sein, stellt sich dann ein, wenn wir unser Glück vor allem in äußeren Erfahrungen und im Erwerb materieller Dinge suchen. Das führt zwangsläufig zu einer tiefen Unzufriedenheit, zum Gefühl, dass es uns an etwas mangelt und wir niemals Erfüllung finden, so viel wir auch besitzen und so erfreulich unsere Erlebnisse auch sein mögen. 

Die Energie der Achtsamkeit hat eine heilende und besänftigende Qualität mit der wir jede destruktive Emotion auffangen können, wenn wir uns ihrer früh genug bewusst werden. Üben wir uns regelmäßig darin, zu entschleunigen und innezuhalten, indem wir uns auf den Atem besinnen und zum Körpergewahrsein zurückkehren, können wir damit zugleich unsere Emotionen steuern, indem wir negative Gefühle verwandeln und positive Gefühle wie Dankbarkeit, Mitgefühl und Großzügigkeit bewusst nähren.
 

Die Beziehungen zu anderen Menschen

Neben einer guten Beziehung zu uns selbst ist es für wahres Glück ebenso wichtig, auch die Beziehung zu anderen Menschen zu pflegen und stärken. Wenn du dein Glück teilst – mit selbstlosen Akten des Wohlwollens, sei es ein Lächeln, ein aufmunterndes Wort oder eine Hilfestellung – bereitest du nicht nur anderen eine Freude, sondern auch dir selbst. Entsprechende Forschungen zeigen, dass Wohltätigkeit ganz erheblich zur Steigerung des Glückserlebens beitragen kann. Mit anderen Worten: Wenn du dich hilfsbereit zeigst, handelst du damit im Sinne deiner wahren Natur und entwickelst darüber ein natürliches Wohlgefühl. 

Darüber hinaus ist Wohltätigkeit ansteckend. Wenn du wohlwollend und hilfsbereit bist, ermutigst du andere dazu, es dir gleichzutun. Indem du also freundlich zu anderen bist, machst du die Welt zu einem insgesamt freundlicheren und lebenswerteren Ort. 
 

Wohltätigkeit in der Praxis

Hier folgen einige konkrete Beispiele, wie wir sie selbst praktizieren können. Du kannst dir auch ein Tagebuch anlegen, in dem du regelmäßig notierst, in welcher Weise du dich anderen Menschen gegenüber zuvorkommend verhältst und wie diese darauf reagiert haben.

  • Halte anderen die Tür auf.
  • Wünsche deinen Kollegen, deinem Lehrer oder deinen Mitschülern einen guten Morgen und lächle dein Gegenüber dabei an.
  • Lasse anderen den Vortritt beim Betreten des Busses oder beim Eintritt in ein Geschäft, in das Büro oder das Klassenzimmer.
  • Spreche wenigstens einmal am Tag jemandem ein Kompliment aus.
  • Mache einem anderen Menschen eine Freude mit einem kleinen Geschenk.
  • Lächle. Ein Lächeln kostet nichts, und Glück ist ansteckend! 

 

Naturentfremdung zeigt sich in vielen Formen: in der Umweltzerstörung, in der Vergiftung des Bodens, des Wassers, der Luft, in der Ausbeutung und Misshandlung der Tiere.
Redaktion

Die Beziehung zu unserem Planeten

Es steht außer Zweifel, dass unsere moderne Welt mit ihrer Wissenschaft und Technik beeindruckende Fortschritte erzielen konnte, die vielen Menschen ein besseres Leben beschert hat. Aber der Fortschritt hat auch seinen Preis: Durch die fast vollständige Ausrichtung auf die Befriedigung unserer materiellen Bedürfnisse haben wir viele andere Wertdimensionen aus den Augen verloren, die ebenso große Bedeutung besitzen, wie die psychologischen, sozialen, spirituellen und künstlerischen Aspekte unseres Menschentums. Und wir haben darüber vergessen, dass auch die materiellen Bedürfnisse des Menschen nicht auf Dauer zu erfüllen sind, wenn wir nicht das Wohl anderer Lebensformen und des Planeten selbst im Auge behalten.

Die gegenwärtig vorherrschenden Systeme haben sich von der Natur als Ganzes entfremdet. Diese Naturentfremdung zeigt sich in vielen Formen: in der Umweltzerstörung, in der Vergiftung des Bodens, des Wassers, der Luft, in der Ausbeutung und Misshandlung der Tiere. Das »Natur-Defizit-Syndrom« ist ein von dem amerikanischen Journalisten Richard Louv geprägter Begriff, der für den Preis steht, den der Mensch für seine Entfremdung von der Natur bezahlt. 

 

Das Natur-Defizit-Syndrom

Wie eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Belege zeigt, trägt das Natur-Defizit-Syndrom zu einem verminderten Gebrauch der Sinne, zu Konzentrationsstörungen, Übergewicht und einer Zunahme seelischer und körperlicher Erkrankungen bei. Forschungen deuten ebenfalls darauf hin, dass der fehlende Naturbezug auch das ökologische Bewusstsein und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Natur schwächt. 

Nur über unseren Geist kann die Verbindung zur Natur wiederhergestellt werden, nämlich durch die bewusste Übung der Achtsamkeit und des Mitgefühls. Die Achtsamkeit befähigt uns zu einer besseren Wahrnehmung dessen, was in uns und auch um uns herum vor sich geht, und das Mitgefühl ermöglicht es uns, weniger ausbeuterisch mit der Welt umzugehen. 

Das Natur-Defizit-Syndrom ist jedoch heilbar. Shinrin-yoku oder »Waldbaden« zum Beispiel bedeutet, die Atmosphäre des Waldes in sich aufzunehmen. Der Begriff entstand in den 1980er-Jahren und wurde innerhalb der japanischen Medizin seither zu einem Eckpfeiler der Gesundheitsvorsorge und Heilkunde. Dem liegt die einfache Beobachtung zugrunde, dass schon ein entspannter Spaziergang in einer natürlichen Umgebung einen beruhigenden, erholsamen und stärkenden Effekt auf Körper und Geist hat.

Lies hier, wie du durch Gehen heilen kannst.

 

Es ist also an der Zeit, unser Konzept von Entwicklung zu überdenken und uns neu zu orientieren: weg vom alles bestimmenden Prinzip des wirtschaftlichen Wachstums um jeden Preis und hin zu einem Denken, in dem das Glück aller Menschen und das Wohl aller Lebensformen im Zentrum stehen. Wenn wir unsere Entwicklungsstrategie auf diese Weise neu definieren, wird der gesamte Planet mit all seinen Lebewesen die Chance haben, in neuer Kraft und Gesundheit zu erstrahlen.

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