Die 10 buddhistischen Vollkommenheiten (skr. Paramitas)

Vielleicht fragst auch du dich immer wieder, wie du dein Leben so klug wie möglich gestalten kannst und endlich glücklich werden kannst – egal wie verworren oder stressig die Umstände sind. Mit dieser Frage bist du nicht allein. Seit mehr als zwei Jahrtausenden suchen Menschen nach Wegen, das Beste aus dem eigenen Leben zu machen.

Buddha schenkt uns Antworten, weil er davon ausging, dass alle Menschen eine Vollkommenheit in sich tragen und wir im Kern erleuchtete Essenz, reines Licht und absoluter Frieden sind. Diesen Kern verglich der Buddha mit einem Goldklumpen, der verborgen in uns schlummert. Mit Hilfe der Meditation können wir ihn in uns selbst und anderen erkennen, ihn freilegen und polieren – und zum Strahlen bringen.

 

Was sind die 10 Vollkommenheiten?

Die Vollkommenheiten werden Paramita genannt. Ihre Zahl variiert – es sind entweder sechs oder zehn. Im vorliegenden Buch wollen wir uns mit den zehn Vollkommenheiten befassen. Das Wort Paramita bedeutet »zum jenseitigen Ufer gelangen«. Mit dem jenseitigen Ufer ist das Land des freien Geistes gemeint, der nicht mehr von Hindernissen, inneren Kämpfen und Verwicklungen belastet ist.

 

Die zehn Vollkommenheiten sind:

  1. Großzügigkeit
  2. Energie
  3. Entschiedenheit
  4. Wohlwollen
  5. Nichtverletzendes Handeln
  6. Wahrhaftigkeit
  7. Geduld
  8. Weisheit
  9. Gelassenheit
  10. Loslassen

Du kannst sie alle durch bewusstes Üben zum Leuchten bringen. Sie überschneiden und durchdringen sich gegenseitig und sind genau genommen nicht voneinander zu trennen und auch nicht auf eine bestimmte Reihenfolge festgelegt. Es ist wie bei einem dicken Seil, das aus zehn Strängen geknüpft ist. Jeder einzelne Strang ist wichtig, um vereinte Tragkraft zu schaffen. Jede einzelne Vollkommenheit möchte erkannt und verstanden werden. In der Verknüpfung aber werden sie mehr, als Worte fassen können. 

 

1. Großzügigkeit

Die zehn Vollkommenheiten beginnen und enden mit Großzügigkeit, die ihren höchsten Ausdruck darin findet, dass zwischen Geber und Empfänger kein Unterschied gesehen wird. Großzügiges Geben ist ein Ausdruck der Fähigkeit, loslassen zu können. Großzügigkeit umfasst auch die Bereitschaft, fürsorglich die Hand auszustrecken und dem anderen entgegenzukommen, wenn es um Meinungen und Ansichten, um vermeintliches Recht und Unrecht geht.

Die Kunst des Gebens zeigt sich in Mitgefühl und Dankbarkeit, in der Bereitschaft, zu verzeihen und zu dienen, in Pflege und Fürsorge. Immer wieder wird durch die Freude des Gebens die Verbindung zum Besten in uns und anderen hergestellt.

Großzügigkeit stimmt uns zufrieden und heilt die Furcht vor dem Loslassen.
Marie Mannschatz in »Vollkommen unvollkommen«

Übung im Alltag: Könntest du dir vorstellen, eine Woche lang jeden Tag ganz bewusst die Großzügigkeit zu praktizieren? Du selbst kannst überlegen, welche Aspekte der Großzügigkeit dich am meisten ansprechen und diese dann in deinem täglichen Leben umsetzen. Probiere es aus und du wirst erleben, wie reich beschenkt du wirst, wenn du großzügig bist.

 

2. Energie

Mit Energie ist die Lebenskraft gemeint, die sich als niemals nachlassendes Bemühen um Verwirklichung der besten Kräfte in uns zeigt. Sie verdichtet sich zu Vitalität und Begeisterung und gibt uns die Kraft, unseren von inneren Konflikten und Hindernissen zerrütteten Geist zur Ruhe zu bringen. Mit frei fließender Energie werden tiefe Täler ebenso wie höchste Höhen gelassen durchschritten. Die Kontinuität der geistigen Ausrichtung auf heilsam wirkende Bewusstseinszustände ist ein leitendes energetisches Prinzip. Gepaart mit Achtsamkeit führt Energie zu Sammlung.

Mit Energie streben wir Bewusstseinszustände an, die frei von Leiden sind. Um nicht den unwillkürlichen triebhaften Impulsen ausgeliefert zu sein, brauchen Körper, Herz und Geist eine klare Ausrichtung. Dies gelingt nur durch tatkräftiges Üben, das sich den immer wieder neu auftauchenden Hindernissen mutig stellt. Energie ist essenziell, um »am Ball« zu bleiben. Viel zu viele negative Gedanken und Geschichten bündeln unsere Energie.

Übung im Alltag: Wie wäre es, wenn du heute probierst, ganz bewusst deine Energie ganz klar und bewusst auf die Dinge und Menschen auszurichten, die dich nähren und dich bereichern? Ein spannendes Experiment. Probiere es doch gleich einmal aus.

 

3. Entschiedenheit

Diese Vollkommenheit verleiht die nötige Ausrichtung und Motivation, um sich auf einen geistigen Weg einzulassen und das eigene Verhalten entsprechend anzupassen. Trotzdem wirkt sie weich, ruhig und liebevoll. Sie justiert unser Verhalten im Alltag laufend und bringt unser Denken und Handeln in Einklang mit den Prioritäten unseres Herzens.

Entspannt und hingebungsvoll hält die Entschiedenheit uns auf Kurs, wenn wir in schwierigen Zeiten lieber ausweichen würden. Ohne langes Nachdenken tut sie, was getan werden muss. Sei es die tägliche Buchführung am Ende eines langen Arbeitstages, das Zähneputzen oder das Leeren des Mülleimers. Entschlusskraft wird nicht vom Willen gesteuert. Es geht dabei nicht um eine rigide Zieldefinition, sondern eher um eine kontinuierliche und entschiedene Ausrichtung des Herzens.

Überlege dir, was dir wirklich wichtig ist. Mache eine Prioritätenliste und richte deine Aufmerksamkeit auf die Vorhaben, die ganz oben auf der Liste stehen. 

Wir brauchen immer wieder Entschiedenheit, wenn wir durch unsere Gelüste und Widerstände hindurch zu dem vordringen wollen, was wirklich in unserem Leben Priorität haben soll.
Marie Mannschatz in »Vollkommen unvollkommen«

4. Wohlwollen 

Metta ist ein Wort aus dem Pali und wird mit Wohlwollen, Sympathie, Freundlichkeit, Offenherzigkeit oder liebende Güte übersetzt. Metta ist keine Emotion, sondern eine Geisteshaltung, die von Wohlwollen und guten Absichten durchdrungen ist. Metta stellt die Kraft unseres Herzens in den Mittelpunkt. Hierbei geht es um eine aktive Gestaltung der Herzenskräfte, ein kontinuierliches, bewusstes Ausrichten auf wohlwollendes Denken und Handeln. Wir üben, der Stimme des Herzens eine Priorität einzuräumen.

Auch wenn wir von Natur aus als Säuglinge und Kleinkinder herrlich vorbehaltlose Wesen sind, entwickeln wir leider im Heranwachsen viele psychische Abwehrhaltungen, die sich zu Verschlossenheit und Härte verdichten. Aus Furcht vor Verletzung und Enttäuschung bleiben unsere Herzen nicht offen, im Gegenteil: Wenn wir zu fest von inneren Vorstellungen und Verpflichtungen geprägt sind, spüren wir oft unser Herz gar nicht mehr. Es ist unserem Empfinden abhandengekommen. Metta hilft uns dabei, wieder mit unserem Herzen in Kontakt zu kommen.

Achte heute darauf, wie wohlwollend deine Gedanken dir selbst und anderen gegenüber sind. Solltest du merken, dass du primär kritisierst oder bewertest, so versuche, dich und die anderen mit Wohlwollen zu betrachten. Schenke deinem inneren Kritiker einen Urlaubstag und lass stattdessen dein Herz sprechen. 

 

5. Nicht verletzendes Handeln

Es sind nicht in erster Linie unsere Überzeugungen und moralischen Ansprüche, die uns zu einem besseren Mitmenschen machen. Es ist eher die Bereitschaft, achtsam auf unser Herz zu hören und mitfühlend innezuhalten. Eine aufgeschlossene, achtsame Haltung wertet unseren Alltag auf. Wir können keinen emotionalen Frieden finden, wenn wir unehrlich und betrügerisch sind, wenn wir nehmen, was uns nicht gehört, wenn wir die Grenzen anderer nicht achten.

Je mehr wir verstehen, wie untrennbar wir alle miteinander verwoben sind, umso klarer ist es auch, dass jeder Schaden, den wir anderen zufügen, auf uns selbst zurückfällt. Versuche deshalb auf deine Gedanken und Handlungen zu achten und sie so auszuführen, dass weder du selbst noch andere dadurch verletzt werden.

In einer Gesellschaft zu leben, in der man sich aufeinander verlassen kann, wäre für jeden ein Geschenk.
Marie Mannschatz in »Vollkommen unvollkommen«

6. Wahrhaftigkeit

Dies ist tatsächlich eine große Vollkommenheit, da sie Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit umfasst. Diese entschiedene geistige Ausrichtung zeigt sich in der inneren Verpflichtung, die Wirklichkeit in keiner Weise zurechtzustutzen, nicht zu übertreiben, zu beschönigen oder ins beste Licht rücken zu wollen. Wahrhaftigkeit ist die Übereinstimmung einer Aussage mit dem, was als Wirklichkeit erlebt wird, und kommt in wohlwollender Kommunikation zum Ausdruck.

 

Die Suche nach Wahrhaftigkeit und Authentizität ist für viele Menschen eine Leitlinie im Leben. Diese innere Haltung kommt in der Bereitschaft zum Ausdruck, dem, was im Hier und Jetzt geschieht, aufrichtig und von Herzen her ins Auge zu schauen. Wie wär’s, wenn du versuchst, in den nächsten Wochen so ehrlich dir selbst und anderen gegenüber zu sein, ohne jemanden dabei zu verletzen?

 

7. Geduld

Diese Vollkommenheit ist eine starke Geisteshaltung, die nicht verurteilt, nicht mit Härte oder Schärfe etwas von sich weist oder unterdrücken will. Stattdessen betont sie mit Weichheit das Gegengewicht, den Ausgleich und geht wohlwollend in die Begegnung mit dem Schwierigen.

Geduld brauchen wir nicht nur im Umgang mit anderen Menschen, sondern auch mit uns selbst und mit unserem Körper. Mal ändert sich der Körper von einer Sekunde zur anderen, dann wieder braucht er für Heilungsprozesse unerwartet lange. Wer eine Zahn-OP hinter sich hat, wartet ungeduldig darauf, wieder fest zubeißen zu können. Eigentlich haben wir einen guten Schlaf, und es kommt doch vor, dass wir nicht einschlafen können und geduldig in die stille Nacht hineinlauschen müssen.

Geduld hilft, all die Situationen wahrzunehmen, in denen wir eigentlich wegschauen oder nicht hinhören wollen.
Marie Mannschatz in »Vollkommen unvollkommen«

Geduld ist auch dann gefordert, wenn es darum geht, die Vollkommenheiten in dein Leben zu integrieren. Du kannst alte Gewohnheiten nicht von heute auf morgen ändern. Deshalb wird es auch dauern, bis all diese wertvollen Aspekte in Fleisch und Blut übergegangen sind. Wie wär’s wenn du deinen Perfektionismus loslässt und dir so viel Zeit schenkst, wie es braucht, um die Vollkommenheiten zu verinnerlichen?

 

8. Weisheit

Weisheit ist die Essenz von Erfahrungswissen. Weise verkörpern ein in Würde und Achtsamkeit gelebtes Leben. Wenn sich viel Lebenserfahrung mit Humor und Lebenskunst verbindet, bescheiden, unaufgeregt, aus tiefstem Herzen das akzeptierend, was ist, dann erleben wir Weisheit.

In allen Kulturen gibt es Weisheitstraditionen, die den Weg in diese inneren Räume öffnen. Im Christentum zum Beispiel gehört Weisheit zu den vier antiken Kardinaltugenden 

  • Klugheit (Weisheit),
  • Gerechtigkeit,
  • Tapferkeit und
  • Mäßigung 

Zusammen mit den drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung bildet sie die sieben göttlichen Tugenden. Und im Buddhismus krönt die Weisheit den Achtfachen Pfad, den Weg zum Erwachen. Möglicherweise können dich die Weisheiten großer spiritueller Lehrer, wie dem Buddha, unterstützen, nach und nach in Kontakt zu kommen mit deiner eigenen Weisheit. 
Wie wär’s, wenn du in den nächsten Wochen dein Augenmerk besonders auf Weisheiten richtest und versuchst, ihnen zu folgen?

 

9. Gelassenheit

Ähnlich wie ein Berg Wind und Wetter, Wolkenbrüche und sonnige Tage ungerührt an sich vorüberziehen lässt, so akzeptiert Gelassenheit angenehme und unangenehme Erfahrungen. Diese wohltemperierte, entspannte Geisteshaltung erlaubt es dir, alles mit einem leisen Lächeln im Herzen zu erleben. Bedingungsloses, raumgebendes Einverstandensein, das ist Gelassenheit. Sie wird leicht verwechselt mit Gleichgültigkeit. Und ihr genaues Gegenteil ist die unbewusste Reaktion, das unvermittelte Aufbrausen und Aus-der-Haut-Fahren.

Der Gelassene bewertet und verurteilt nicht, er fließt mit und ist dabei interessiert und engagiert. Er strahlt warme Entspanntheit aus und kann Raum geben, zulassen und dabei nachsichtig mit sich selbst und anderen sein.

Dir die Gelassenheit als Leitmotiv zu nehmen wird dich besonders in solchen Zeiten unterstützen, in denen die Welt wieder einmal Kopf steht. Gerade in solchen Zeiten kann die Gelassenheit zu einem Mantra werden, das dich darin unterstützt, nicht vollkommen auszubrennen.

 

10. Loslassen

Mit Loslassen und Verzicht ist gemeint, dass wir zwar allem gegenüber offen bleiben, aber aus Liebe einen Weg einschlagen, der ein Nein zu destruktiven Verhaltens- und Denkweisen mit sich bringt. Loslassen bedeutet nicht Strafe, nicht Verweigerung, sondern Gewinn: Dadurch, dass wir etwas nicht tun, einen Gedanken nicht weiter verfolgen, werden wir gestärkt.

Das bewusste Loslassen führt uns auf dem spirituellen Weg in Daseinsräume, von denen wir bisher kaum etwas geahnt haben. Wer loslässt, hat beide Hände frei. Vielleicht magst du dich in den nächsten Wochen im Loslassen üben, um dann möglicherweise zu erkennen, wie reich du dadurch wirst.

Erkennen wir die Kostbarkeit unseres Daseins und entwickeln wir unsere Leuchtkraft – bringen wir Selbsterkenntnis und Freude ins Leben!
Marie Mannschatz in »Vollkommen unvollkommen«

Fazit: Die 10 Vollkommenheiten sind untrennbar voneinander

Jede Vollkommenheit ist wie ein Hologramm: Man kann einen Aspekt herausgreifen und entdeckt darin beim tieferen Eintauchen auch die Qualitäten der anderen Vollkommenheiten. Denn in jeder einzelnen Vollkommenheit sind auch alle anderen enthalten. Sie alle fördern im tiefsten Inneren Wachstum und Transformation. 

 

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