Katharina Middendorf: Entdecke deine Weiblichkeit im Yoga mit dem Mondgruß

Meditation & Achtsamkeit

Der Mondgruß – das ruhespendende Pendant zum Sonnengruß


Der Mondgruß ist eine fließende, hingebungsvolle Yoga-Sequenz, die der yogischen Sonne das zurückgibt, was sie schon lange vermisst: ihren kühlen Begleiter. Der Ursprung des Mondgrußes ist unklar. Vom „Chandra Namaskar“ finden sich, je nach Schule und Yoga-Stil, verschiedene Formen. Zwar existieren wohl deutlich weniger Varianten als beim Sonnengruß, aber auch hier gibt es nicht den einen Mondgruß. Gemeinsam aber ist allen die Ruhe, die sie vermitteln. Es geht darum, Ida-Nadi durch eine fließende Sequenz in die Yogapraxis zu integrieren. 


Der Raum, der bereits zu Beginn des Mondgrußes entsteht, überträgt sich schnell auf deinen ganzen Körper, der dadurch auch offener wird, ohne dass du dazu etwas beitragen musst. Es passiert einfach. Dieses Gefühl von Weite ist die Grundlinie der kommenden Bewegungs-Choreografie: grenzenlos, raumgreifend und dennoch zentriert. Wie ein Gravitationszentrum, das über unbegrenzte Reichweite verfügt. 


Wenn du deine Wahrnehmung während des Mondgrußes immer wieder auf den Moment der Ausdehnung richtest, ziehen sich deine Sinne nach innen, und das grenzenlose Spüren überträgt sich auf deinen ganzen Körper. Wie von selbst spürst du den Kontakt mit dem Boden und kannst die angenehme Kühle und den Strom wahrnehmen, der von unten nach oben aufsteigt, zum Becken und dann zum Herzraum gelangt und sich am Punkt zwischen den Augenbrauen niederlässt. 
 

Durch Yoga die eigene Weiblichkeit entdecken


Der Mondgruß ist ein Weg ins Innere. Die Verbindung zwischen den Händen kann auf die gespürte Vereinigung von Ida und Pingala am Punkt zwischen den Augenbrauen übertragen werden. Hier wird alles eins, und doch bleiben die zwei. Die Schönheit der Polarität als Hochzeit der Gegensätze lädt zum Innenhalten ein. Du kannst diese Verbindung für einige Momente genießen und zur Trauzeugin werden. Das Wechselspiel in den Haltungen zwischen der gehaltenen Einatmung bringt einen Impuls zur Ausatmung, der wie von allein kommt.


Wenn du links beginnst, freut sich Ida, denn schließlich ist der Mondgruß ihre ganz persönliche Ode. Die Aufmerksamkeit, die nun links präsent ist, kann nur deswegen entstehen, weil Pingala rechts wacht. Pingala sorgt durch die Präsenz des rechten Fußes am Boden für Stabilität und damit dafür, dass Ida sich fallen lassen kann, ohne in sich zusammenzusinken. Was für ein schönes Bild! Der eine denkt den anderen mit, auch wenn er oder sie augenscheinlich nicht zu sehen ist. Und so ist der Mondgruß für mich auch immer ein Liebesbeweis von Pingala an Ida, von der männlichen an die weibliche Energie. 


In manchen Haltungen sinkt die kühle Mondenergie zusammen mit der Ausatmung und dem Entspannen deiner Bauchmuskulatur in deinen Unterleib, wo sie dein Becken und deine Geschlechtsorgane wachküsst. Könnte man diese Bewegung in einem Bild sichtbar machen, dann wäre sie eine blaue, angenehm kühle Kugel auf Höhe des Schambeins, die ihr Licht nach außen schimmern lässt. 
 

 

Dein Weg zu mehr Ausgeglichenheit und Energie


In einigen Haltungen geht es um Ausdehnung und um Ausgeglichenheit. Man spürt das Runde von allen Seiten und ist doch mittendrin. Diese Kreisform kann ein visueller Impuls sein, um dein eigenes Rundsein wahrzunehmen. Es entsteht Platz im Nacken, die Spinalnerven in der Halswirbelsäule können sich ausbreiten, Anspannungen können verschwinden. Du wirst selbst zum runden Vollmond. 


Im Mondgruß läuft vieles synchron. Er spiegelt sich in der Mitte der Sequenz, das heißt, die Bewegungen verlaufen zu beiden Seiten spiegelbildlich, und du passierst dabei immer wieder die Mitte. 

 

Die Mondkraft als Zeichen der weiblichen Stärke 


Der Mondgruß fokussiert vor allem drei Energiezentren: um das Becken herum (Muladhara-Chakra), um den Brustraum herum (Anahata-Chakra) und an der Stirn (Ajna-Chakra). Alle drei Bereiche im Zusammenspiel sind ganz wichtig. 


Bei dieser Yogasequenz geht es darum, die Anziehungskräfte geschickt zu nutzen und dennoch in der Hingabe die innere Führung zu behalten. Sonst kann es passieren, dass man sich, von der betörenden Weiblichkeit gerufen, nicht mehr wiederfindet im Raum der endlosen Weite. 


Die Weite, die im Verlauf der Sequenz aufgebaut wurde, bündelt sich im Herzraum, wo sie sich nach innen hin ausbreitet und ihre Fortführung findet. Es ist nicht nur Platz im Außen, sondern auch im Innen entstanden. Du wirst dich bereichert fühlen um die Dimension der Entfaltungsmöglichkeiten deines Körpers, Geistes und Herzens. 


In der Abschlusshaltung verbinden sich dann wieder die drei Kräfte, die während des Mondgrußes „gesammelt“ wurden: Erdung, die besonders in den Füßen, aber auch im entspannten Unterleib fühlbar wird; Weite, die besonders im Herzraum angekommen ist; und Anbindung an die eigene innere Führung, die sich durch den entstandenen Fokus am Augenbrauenzentrum zeigt. Diese drei führen durch die Haltungen und erzählen die Geschichte der Hingabe, in der man „Ida“ als Protagonistin hat und die man guten Gewissens als „Mondkraft“ bezeichnen kann. 


Im Mondgruß geht es ja genau darum: Dich hinzugeben, Ruhe zu finden, bei dir ankommen, dich entspannen und deine strahlende eigene Weiblichkeit entdecken.

 

© Jan Rickers

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