Soziale Kontakte: Warum sie so wichtig für Körper und Psyche sind

Machen Freunde gesund? 

Was hält uns an erster Stelle gesund? Und was hilft uns mehr als alles andere, nach einer Krankheit oder einem psychischen Tief wieder gesund zu werden und dauerhaft glücklich zu leben?

Bis heute denken die meisten Menschen bei diesen Fragen ans Nichtrauchen, gesunde Ernährung und körperliche Fitness. So ging es mir auch bis vor einigen Jahren. Dass ich damit nicht richtig liege, habe ich erst erkannt, als ich mich intensiver mit aktuellen Studien zur Kraft sozialer Kontakte beschäftigt habe. Die Forschungslage ist eindeutig, doch das Ergebnis außerhalb der Wissenschaft noch viel zu wenig bekannt. 

Zwar ist das Nichtrauchen auf Platz 3 der Faktoren für ein langes Leben, und an 7. bis 9. Stelle kommen Bewegung, gute Ernährung und das Vermeiden von Übergewicht dazu. Aber auf Platz 1 und 2 geht es um etwas anderes. Hier ist das Ergebnis wissenschaftlicher Studien zu dem Wichtigsten, was ein gutes Leben ausmacht:
 

Soziale Kontakte sind wichtig für unsere Gesundheit

Meta- und Langzeitstudien, die zum Teil seit über 80 Jahren fortgeführt werden, weisen nach: Die beiden wichtigsten Wirkfaktoren für Gesundheit und ein langes Leben sind soziale: das Eingebundensein in eine Gemeinschaft sowie nahe, stabile und unterstützende Kontakte, also unsere engen, verlässlichen Beziehungen. 

Deshalb habe ich »Freunde machen gesund« geschrieben. Ich hoffe von Herzen, dass es viele Menschen dabei unterstützt, die Bedeutung ihrer sozialen Kontakte zu erkennen und ihre Beziehungen zu stärken und verbessern. Gerade in Pandemiezeiten haben wir schmerzlich erkannt, was es bedeutet, wenn sie fehlen oder wenn zu wenig Kontakt da ist. 

Viele Menschen haben sich einsam gefühlt, die Symptome von Stress, Angst und Schlafproblemen haben sich im Zuge der Kontaktbeschränkungen teilweise verfünffacht. Dennoch unterschätzen viele immer noch die Kraft und Wichtigkeit ihres sozialen Netzes.  

 

Mit Freund:innen leben wir verbundener, sicherer, ruhiger und damit gesünder. 
Ulrike Scheuermann
frau schaut neugierig nach draussen

Freundschaften und Netzwerke – auch außerhalb der Familie

Wenn ich von »Freunde machen gesund« spreche, so meine ich damit mehr als die besten Freund:innen oder Freundschaften aus der Schul- oder Studienzeit. Alle unsere Sozialkontakte können freundschaftliche Qualitäten haben, innerhalb und auch außerhalb der Familie. 

Freundschaft kann mit dem oder der Partner:in sein, mit engen und entfernteren Freund:innen, mit Kolleg:innen und anderen Arbeitskontakten, auch in größeren Gruppen mit nur sporadischen und entfernteren Kontakten. Entscheidend in einer Freundschaft ist Freude, Wärme und das Gefühl des Miteinanders. 

Freund:innen sind diejenigen, die unser Leben bereichern, die es bunt, lebendig und interessant machen, die da sind, wenn’s drauf ankommt, und mit denen wir Vertrauen, Wertschätzung, Zuneigung und emotionale Nähe erleben. Wahre Freunde sind die, die uns helfen. Mit Freund:innen leben wir verbundener, sicherer, ruhiger und damit gesünder. 

Aber was tun, wenn dich soziale Kontakte stressen? Es könnte im Zusammenhang mit den gut untersuchten bekannten Persönlichkeitseigenschaften Intro- und Extraversion stehen.
 

Wir sind immer im Kontakt mit Menschen, und sei es auch nur über das Internet oder in Gedanken. 
Ulrike Scheuermann

Soziale Kontakte stressen mich – Leben ohne soziale Kontakte?

Ungefähr 30 bis 50 Prozent aller Menschen haben, laut Susan Cain, einen mehr oder weniger stark ausgeprägten Hang zur Introversion, also zu einer nach innen gewandten Haltung, die anderen sind extravertiert, also eher nach außen gewandt. 

Der entscheidende Unterschied ist die Art, wie man auf Anregung reagiert und man regeneriert und Inspiration erfährt. So mögen es introvertierte Menschen, viel mit sich allein oder wenigen vertrauten Menschen zu sein: Sie sind mehr auf ihr Innenleben konzentriert. Sie brauchen und vertragen nicht viel Anregung von außen, fühlen sich in ruhigen, entspannten Situationen am wohlsten, am aufmerksamsten und leistungsfähigsten. Und hier kommt der entscheidende Punkt: 

Wenn Introvertierte unter vielen Menschen sind, sind sie schnell erschöpft, reizüberflutet und ausgelaugt. Selbst dann, wenn sie es genossen haben. Das kann so weit gehen, dass sich jemand sogar wünscht, lieber ganz ohne soziale Kontakte zu leben. Doch wir sind immer im Kontakt mit Menschen, und sei es auch nur über das Internet oder in Gedanken. 

Anstatt die Energie in Kontaktvermeidung zu stecken, kannst du mehr darüber herausfinden, was dir guttut: 

  • Wie viel oder wenig Anregung brauchst du, um dich zu erholen, anstatt zu erschöpfen?
  • Welche Art von Kontakt ermöglicht dir, neue Inspiration und Kraft zu finden? 
  • Mit welchen Menschen entsteht am ehesten eine entspannte Art des Kontaktes?

Wenn du dich auf dieses Erkunden der feinen Unterschiede im Kontakt zu Menschen ausrichtest, tritt die Abwehr gegen jeglichen Kontakt oft in den Hintergrund. Außerdem kannst du erkunden, wie es für dich ist, allein zu sein. Es kommt darauf an, wie du es gestaltest und empfindest. Für viele Menschen ist das Alleinsein sehr bereichernd.

 

frau sitzt am fenster und schaut in die ferne

Kein Bedürfnis nach sozialen Kontakten? Im Alleinsein trotzdem verbunden

Es gibt einen weit verbreiteten Irrtum, der die Abwesenheit von sozialen Kontakten mit Einsamkeit gleichsetzt. Einsamkeit ist das schmerzhafte Gefühl des Getrenntseins von anderen. Doch man kann sich mit oder ohne Kontakte um sich herum einsam fühlen. Einsamkeit kann uns jederzeit überraschen: mitten unter Leuten beim Smalltalk am Buffet ebenso wie in einer Partnerschaft ohne emotionale Nähe. 

Soziale Isolation dagegen ist die äußere Abwesenheit von Sozialkontakten. Frage dich: 

  • Wie viele und welche Art von Kontakten habe ich
  • Wie oft und wie lange? 
  • Habe ich Familie, Freund:innen, Kolleg:innen?

Sobald man zwischen Einsamkeit und Isolation unterscheidet, tut sich dazwischen das Alleinsein auf, ein Zustand des »Mit-sich-Seins«. Wenngleich gerade ohne Kontakt mit anderen, gibt es kein Mangelgefühl wie bei der Einsamkeit. Es fehlt nichts – das ist der Unterschied. Allein zu sein kann eine notwendige Pause zwischen Kontakten darstellen, Herausforderung zur Selbstfindung und eine Gelegenheit, sich selbst anders zu begegnen.
 

Welches Maß an Kontakt und Rückzug ist gut für mich?

Wenn du das Alleinsein positiv gestaltest, kannst du dabei Erholung, Trost, Ruhe, Erkenntnis und Inspiration finden. Es bietet sogar die Möglichkeit, sich mit anderen innerlich verbunden zu fühlen, auch wenn außen herum Kontakte fehlen. 

Wichtig ist es, im Alltag zu prüfen, ob du Alleinsein oder Kontakt brauchst.  Wenn du diese Bedürfnisse erkennst, kannst du leichter das tun, was gut für dich ist. 

1. Merkst du, dass du gestresst bist im Kontakt mit anderen Menschen und Ruhe und Alleinsein brauchst? 

Dann könntest du zum Beispiel eine zumindest kleine, aber dafür entschiedene Pause zwischen Arbeit und privater Verabredung einlegen, in der du dich kurz zurückziehst, auch ohne Textnachrichten und Telefonate, und diese Zeit mit dir selbst voll und ganz zum Erholen nutzt. Oft helfen schon die kurzen Auszeiten, es muss nicht gleich ein tagelanger Rückzug sein.

2. Bemerkst du, dass du dich außen vor statt verbunden fühlst und dich unfreiwillig zurückziehst? Dass du dich einsam und getrennt von anderen fühlst, andere vermisst und dich schmerzlich nach Kontakt sehnst? 

Dann versuche, zuerst einen inneren Kontakt zu jemand herzustellen, indem du freundlich und wertschätzend an eine andere Person denkst. Im nächsten Schritt kannst du dann einen vorsichtigen, unverbindlichen äußeren Kontakt herstellen: auf der Straße nach dem Weg fragen, beim Warten im Supermarkt eine Bemerkung über die lange Warteschlange machen, dir einen Grund überlegen, warum du jemanden anrufen musst. Um Hilfe zu bitten ist zum Beispiel ein guter Anfang. Menschen helfen gerne.  

So kommst du wieder besser in den für dich gerade passenden Kontakt mit dir selbst und anderen. Diese Verbundenheit kann dir helfen, dich ruhig und gesund zu fühlen – und es dann auch zu sein.

Warum unsere sozialen Kontakte uns so besonders gesund und glücklich machen können, erfährst du im nächsten Beitrag zum Thema »Freunde machen gesund«.