Nunchi: Was ist der koreanische sechste Sinn?

Leben & Balance

Wir alle bewegen uns tagtäglich in einem Miteinander, einem sozialen Kontext, der uns die meiste Zeit gar nicht so bewusst ist.
Denn gerade in der westlichen Welt sind wir darauf trainiert, uns allen anderen voranzustellen. Persönlicher Erfolg und eigene Zufriedenheit sind das höchste Gut.

Dabei müssen wir den Leistungsgedanken gar nicht komplett verabschieden, um uns auf das soziale Gefüge zu besinnen, in dem wir uns tagtäglich befinden.
Bereits auf dem Weg zum Bäcker kann es zum Beispiel von großer Bedeutung für jemanden sein, wenn ihm bei einem Engpass auf dem Gehsteig der Vortritt gelassen wird.

Das Gespür für eine Atmosphäre im Raum, für einzelne Stimmungen und Situationen, nennen die Koreaner Nunchi.
Redaktion

Nunchi ist die Kunst, sofort zu verstehen, was Menschen denken und fühlen, und dadurch bessere Beziehungen untereinander aufzubauen. Es geht nicht nur darum, mögliche Fettnäpfchen zu umschiffen, sondern auch sich selbst zu positionieren und etwas zum gemeinschaftlichen Leben beizutragen.

Und nicht nur das: Wer „schnelles“ Nunchi besitzt (Geschwindigkeit ist das Stichwort, nicht Menge), kann sozusagen die Gesetze seinem eigenen Willen beugen. Mit Nunchi lassen sich Situationen also positiv und zum eigenen Gunsten beeinflussen. 

 

Die Grundprinzipien von Nunchi

In Korea sagt man, das halbe öffentliche Leben basiere auf Nunchi. Es ist ihr Go-to-Prinzip, um die Fallstricke des Lebens zu meistern.

Ist das eigene Nunchi gut ausgebildet, bewertet man den eigenen Eindruck ständig neu: Man analysiert jedes neue Wort, jede Geste und jeden Gesichtsausdruck. Man ist ständig aufmerksam und aufnahmebereit, und man liest vor allem zwischen den Zeilen. 

Denn der koreanischen Gesellschaft (wie vielen anderen asiatischen Ländern auch) liegt eine High-Kontext-Kultur zugrunde.
Ein Großteil der zwischenmenschlichen Kommunikation basiert nicht auf Worten, sondern auf dem generellen Kontext der Situation mit all seinen Facetten:

  • Körpersprache
  • Gesichtsausdrücke
  • Tradition
  • andere Anwesende
  • Abwesende
  • Schweigen

Das Wichtigste bleibt oft ungesagt, also gilt es, Gesichter zu lesen und Stimmen zu interpretieren.
Die Fähigkeit von schnellem Nunchi kann dabei sehr hilfreich sein.

Die zwei Grundprinzipien von Nunchi sind dabei: 

  1. Wenn alle das Gleiche tun, gibt es immer einen Grund dafür.  
  2. Wenn man lange genug wartet, werden die meisten Fragen beantwortet, ohne dass man sie gestellt hat. 

Es geht also darum, zu beobachten: Wenn du in ein neues soziales Gefüge kommst, betrachte nicht nur den Raum, sondern frage dich: Wie agieren und reagieren die einzelnen Personen? Wer steht bei wem? Wer hat drei Stücke Kuchen auf dem Teller, während die anderen nur eines haben? 

Unsere sozialen Gefüge drücken wir vor allem auch non-verbal aus. Darum gilt es, auf scheinbare Nichtigkeiten zu achten und unseren Blick für kleine Feinheiten zu schulen.
Redaktion

Koreaner betrachten jeden Raum als einen eigenen, lebenden Organismus, der eine eigene Lautstärke, Bewegung und Temperatur hat.
Jeder Anwesende trägt zu der emotionalen Energie des Raumes bei. 

Nunchi-Geübte suchen bei der Meisterung jeder sozialen Situation Antworten auf zwei Fragen: 

  1. Welche emotionale Energie beherrscht den Raum?
  2. Welche emotionale Energie kann ich selbst beitragen, um mich anzupassen?

Es geht darum, beispielsweise nicht in eine Gruppe von bedrückt aussehenden Menschen hineinzuplatzen und scherzhaft zu fragen, wer denn gestorben ist – um dann zu erfahren, dass tatsächlich ein Verwandter einer der anwesenden Personen vor kurzem verstorben ist.

Man ist mit schnellem Nunchi also darauf bedacht, sich gut in ein soziales Gefüge einzuordnen, Fettnäpfchen zu vermeiden und langfristig dadurch auch sein eigenes Bild als Person positiv aufzubauen. 
Und es so im Leben weit zu bringen, leichter durch die Herausforderungen des Alltags zu schreiten und persönlich als auch beruflich erfolgreich zu werden. 

Nunchi hilft dir, ein zufriedeneres Leben zu führen

Nunchi baut auf den Konstanten von Feingefühl, Beobachtung und Flexibilität auf: Man muss sich seiner vorgefassten Meinung bewusst sein und darüber, wie sie die Wahrnehmung und Fähigkeit zur Anpassung beeinflussen kann.

Dabei ist die Zeitkomponente wichtig: Innerhalb weniger Sekunden verarbeiten wir Informationen, im Bruchteil einer Sekunde beurteilen wir Situationen und Menschen. Die Kunst ist dann paradoxerweise, sich in den wenigen Sekunden, die einem zum Reagieren in bestimmten Situationen bleiben, kurz zurückzunehmen und innezuhalten. Erst zu denken, dann zu reden – oder zu handeln. 

Nunchi ist daher eine Form von emotionaler Intelligenz: Schon bei den Stoikern der Griechen und Römer finden sich Gedanken von Nunchi wieder, und bereits in der Bibel steht sinngemäß das Sprichwort, das bis heute Gebrauch findet: «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold».
Das gilt bei Nunchi nicht nur für die Reaktion, sondern auch das Analysieren der Situation: Es gilt, auf das Nicht-Gesagte zu hören.  

 

So integrierst du Nunchi in der westlichen Welt

Wie können wir als westliche Gesellschaft also Nunchi auf unser Verhalten anwenden?

Essentiell ist, sich zu fragen: Handele ich aus Egoismus oder aus einem Gemeinschaftsgedanken heraus?
Die westliche Erziehung legt den Fokus schon sehr früh auf den «Glauben an sich selbst» und stellt die Individualität des Einzelnen vor das Kollektiv.

Während an einem gesunden Selbstvertrauen nichts falsch ist, führt ein zu großer Fokus auf sich selbst aber zur Abkehr vom Gemeinschaftsgedanken – und zu einer Vernachlässigung der Verantwortung anderer gegenüber. Was wiederum beeinflusst, wie wir selbst «dabei wegkommen», in Form eines sozialen Rufs bzw. eines Ansehens. 

Jeder wird mit einem Potenzial für Nunchi geboren, es ist weniger in unserer Kultur als in unserem Gehirn verankert. Dennoch sind wir gerade in unserer westlichen Kultur mit unseren gesellschaftlichen Vorurteilen anfällig für sogenannte «Nunchi-Blocker»:  

  • Empathie ist wichtiger als Einsicht
  • Lärm ist wichtiger als Stille
  • Extrovertiertheit ist wichtiger als Introvertiertheit
  • scharfe Kanten sind wichtiger als glatte Rundungen
  • Individualismus ist wichtiger als Kollektivismus

Diese «Nunchi-Blocker» isolieren uns von der Gemeinschaft und erschweren die Verbindung zu anderen.
Du magst nun vielleicht denken: Nunchi hört sich vom Prinzip doch an wie Empathie – wie kann das ein Blocker sein?

 

Nunchi beinhaltet die notwendige Distanz

Doch während sich Nunchi und Empathie vom Prinzip her ähneln, gibt es dennoch feine Unterschiede zwischen den beiden.

Die westliche Interpretation von Empathie ist, sich in die Haut des anderen hineinzuversetzen. Zu versuchen, der andere zu sein.
Dahingegen folgt Nunchi dem Leitsatz: «Ändere den Standort und denk nach». 

Mit Nunchi nähert man sich also nicht, man entfernt sich erst einmal vom Gegenüber.  
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Während man bei der westlichen Empathie folglich tendenziell den objektiven Blick und die nötige Distanz verliert, ermöglicht es Nunchi, die Position des anderen zwar zu verstehen, sie sich aber nicht ohne zu hinterfragen überzustreifen.

Jemand mit einem verfeinerten Nunchi kann die Gefühle des anderen Menschen wahrnehmen, unabhängig davon, ob er sie tatsächlich nachfühlen kann. Er muss mit seinem Gegenüber noch nicht einmal etwas gemein haben, um zu erfassen, was gerade geschieht. Und kann dann in den jeweiligen Situationen dem Mitgefühl sein eigenes Wertesystem gegenüberstellen.

Ein Beispiel:

Jemand mit Nunchi kann auf einem Souk das Klagen eines marokkanischen Teppichverkäufers, der alleine seine Familie ernähren müsse, zwar nachempfinden, ist aber distanziert genug, um dennoch die völlig überteuerte Ware zu hinterfragen, anstatt blind zu kaufen. 

 

Es geht bei Nunchi also vorrangig darum, achtsam zu sein:
Sich seiner Wirkung, seiner Taten und besonders seiner Umgebung bewusst zu sein. Um dann sein bestmögliches Leben zu führen, das nicht nur die individuellen Bedürfnisse befriedigt, sondern der Gemeinschaft auch etwas zurückgibt. 
 

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