Karma-Weisheiten: Kann man sein Schicksal beeinflussen?

Vielleicht kennst du solche Situationen: Am Abend gab es noch Zoff mit der/dem Mitbewohner:in, die/der nie einkaufen geht, und am nächsten Morgen greift genau diese:r Mitbewohner:in zur verdorbenen Milch, weil eben keine andere mehr da ist. Denkst du dabei an Begriffe wie »Instant Karma« oder ploppen womöglich ähnliche Kalendersprüche wie oben in deinen Gedanken auf? Damit geht es dir wie vielen Menschen, die Karma als eine Art »ausgleichende Gerechtigkeit« verstehen. 

Wir erklären, warum dieses Verständnis auf gewisse Weise richtig ist, Karma in Wirklichkeit aber viel komplexer wirkt und mangelndes Verständnis hier sogar zu Problemen führen kann. Außerdem erfährst du, wie du dein Leben ausrichten kannst, um deinen karmischen Ballast zu verringern.
 

Gutes Karma, schlechtes Karma – ein Missverständnis?

»What goes around… comes around« – dieses und ähnliche Zitate verbinden wir häufig mit dem Karma-Gedanken. Viele Menschen glauben, dass uns jede unserer Handlungen, sei sie positiv oder negativ ausgerichtet, irgendwann einholt –  und das sogar über den Tod hinaus. Diese Vorstellung von Bestrafung im Schlechten und Belohnung im Guten, hat sich über Jahrzehnte hinweg sowohl in östlichen als auch in westlichen Gesellschaften manifestiert – meist, ohne dass Menschen sich wirklich mit dem Konzept aus dem Buddhismus auseinandergesetzt haben. 

Leider ist dieses Verständnis von Karma aber nicht nur oberflächlich, sondern auch gefährlich. Tatsächlich dient es mancherorts sogar zur Rechtfertigung von politischer Unterdrückung und Ungleichheit, wie beispielsweise im indischen Kasten-System. Es hat zum Teil dazu geführt, dass Menschen Leid durch andere Menschen ertragen, weil sie glauben, es aufgrund ihrer karmischen Situation verdient zu haben. Sie haben Leid als ihr Schicksal akzeptiert. Umso wichtiger ist es, der eigentlichen Bedeutung von Karma auf den Grund zu gehen.
 

Die Bedeutung von Karma im Buddhismus

Nach buddhistischer Vorstellung ist Karma kein:e Richter:in, es wiegt nicht gute und schlechte Taten gegeneinander auf. Es ist einfach das universell wirksame Gesetz von Ursache und Wirkung. Es geht nicht um Schuld, sondern darum, dass auf jede Aktion zwangsläufig eine Reaktion folgen muss. Karma bestraft nicht und Karma belohnt nicht. Es ist neutral wie eine mathematische Formel.

Die Energie, die wir durch unser Handeln erzeugen, bleibt in unserem Geist erhalten und beeinflusst unser Leben – im Negativen wie im Positiven. Das bedeutet auch, dass es keine übergeordnete Kraft gibt, die für Recht und Ordnung sorgt, Strafen ausspricht oder ein unumstößliches Schicksal bestimmt. Es bedeutet, dass wir zu jeder Zeit selbst für uns und unser Leben verantwortlich sind. Wenn wir leiden, ist das nicht Schicksal, sondern stets unsere ganz eigene Entscheidung. 

Karma bedeutet Handeln. Wessen Handeln? Mein Handeln. Wessen Verantwortung? Meine Verantwortung.
Sadhguru

Karma als verborgene Wahrheit

Man kann Karma also als eine Art Naturgesetz von Ursache und Wirkung verstehen. Wieso ist es aber trotzdem nicht zutreffend, beim Beispiel mit der verdorbenen Milch von »Instant Karma« zu sprechen? Der Knackpunkt ist, dass Karma viel vielschichtiger ist, als wir es uns im Allgemeinen vorstellen. Für die allermeisten Menschen ist es unmöglich festzustellen, welche Aktion zu welcher Reaktion geführt haben mag. 

Das wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, dass Buddhist:innen den Karma-Gedanken mit dem Glauben an die Wiedergeburt verbinden. Es sind also auch Aktionen aus früheren Leben, die heute auf unser Karma wirken. Im Buddhismus behandelt man Karma deshalb als verborgene Wahrheit, die sich nur nach einer intensiven Schulung des Geistes erschließt. Manche sind sogar davon überzeugt, dass nur Buddha selbst Zugang zu dieser Wahrheit hatte. 

Jemanden anhand aktueller Erlebnisse und Zustände über sein Karma beurteilen zu wollen, ist aus buddhistischer Sicht also kaum möglich und kann zu falschen und für die Person schädlichen Rückschlüssen führen.

 

Frau am Kiesstrand von hinten

Wie kann man sein Karma-Konto positiv beeinflussen?

Zunächst einmal ist der Begriff »Karma-Konto« wieder nicht ganz zutreffend. Denn du weißt bereits, dass Karma nichts gegeneinander aufwiegt. Trotzdem kann man sich Karma hilfsweise als Summe der durch unsere Aktionen erzeugten Energie vorstellen, die nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung früher oder später wieder zu uns zurückkommt.

Ziel der Buddhist:innen ist es deshalb, möglichst positive Energie, oder besser noch, überhaupt kein neues Karma zu erzeugen, um irgendwann frei von den Aufgaben zu sein, die mit dem Karma einhergehen. Sie haben eine Ethik des Mitgefühls mit allen Lebewesen dieser Welt entwickelt, die dem Leben sogar dann Sinn und Tiefe verleihen kann, wenn man wie interessanterweise auch viele Buddhist:innen gar nicht an Karma glaubt.

 

5 Karma-Weisheiten

Im Grunde kannst du die folgenden Karma-Gesetze oder Weisheiten auch einfach als Guide zu einem guten und sinnvollen Leben lesen. Tatsächlich wirkt sich diese Haltung sogar besonders günstig auf dein Karma-Konto aus. Denn für die Auflösung und Erzeugung von Karma ist vor allem die Absicht hinter deinen Aktionen entscheidend. Eine gute Tat löst dann am meisten Karma auf, wenn du Freude an der Sache selbst empfindest und nicht »nur« dein Karma-Konto im Hinterkopf hast.

1. Direktes Karma

Unter direktem Karma verstehen Buddhist:innen vor allem die Naturgesetze, psychologische und medizinische Zusammenhänge und die Grundsätze der menschlichen Gesellschaft. Das sind die Gesetzmäßigkeiten, die sich am leichtesten beobachten und auch wissenschaftlich bestätigen lassen. Ganz leicht also, sie zu befolgen, oder nicht? Warum essen wir dann trotzdem Schokolade oder arbeiten stundenlang ohne Pause, obwohl wir wissen, dass uns das nicht guttut? Hier kann ein gesteigertes Bewusstsein für Ursache und Wirkung sehr hilfreich sein.

2. Die Kraft der Gedanken

Deine Gedanken haben eine unheimliche schöpferische Energie, die sich massiv auf dein Karma auswirken, auch wenn sich das im Alltag nicht immer so anfühlt. Vielleicht hilft dir die Vorstellung, dass aus all deinen Gedanken und Gefühlen jederzeit Worte und Aktionen werden können, um deinem Inneren mit mehr Achtsamkeit zu begegnen. Du wirst schnell merken, welche Wunder sich ereignen, wenn du aus einer Haltung der Liebe und Dankbarkeit heraus handelst.

Jeder Gedanke, den du erzeugst, hinterlässt für alle Ewigkeit einen bestimmten Abdruck in diesem Universum.
Sadhguru

3. Gesetz der Kompensation

Das Gesetz der Kompensation wird häufig als Strafmechanismus missverstanden. Zwar hängen Zitate wie »What goes around… comes around« damit zusammen. Es geht aber nicht darum, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Vielmehr werden dir durch das Gesetz der Kompensation Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung gegeben. Hast du beispielsweise Probleme damit, unangenehmen Personen freundlich zu begegnen, wirst du womöglich immer wieder in Situationen kommen, in denen du entweder selbst erlebst, wie sich Unfreundlichkeit anfühlt, oder in denen du Selbstlosigkeit und Mitgefühl entwickeln kannst.

4. Dein Leben als Schule

Dieses Gesetz, auch »Gesetz der Evolution«, hängt eng mit dem der Kompensation zusammen, denn es besagt, dass deine (karmischen) Aufgaben dir aufzeigen, was du brauchst, um dich persönlich und spirituell zu entwickeln. Du darfst dich also auch zunächst unangenehmen Situationen oder Fehlern annehmen, im Urvertrauen darauf, dass ihre Bewältigung deinem Wachstum dient.

 

5.  Das Universum bleibt ein Mysterium

Nicht alles, was in deinem Leben geschieht, ist mit Logik oder auch Karma zu erklären. Nach dem »Gesetz der Gnade Gottes« bleiben manche Zusammenhänge auf ewig unergründlich. Vertraust du deine Wünsche und Sorgen einer höheren Kraft an, kannst du auf ganz verschiedene Arten Antworten erhalten. Verschließe dich also nicht vor Wegen und Lösungen, nur weil du sie im Moment vielleicht nicht verstehst.

 

Gestalte mit Karma-Weisheiten dein bestes Leben

Vielleicht hört sich das ein oder andere Karma-Gesetz für dich irgendwie kompliziert oder einfach zu groß an. Das ist überhaupt nicht schlimm, denn auch viele Buddhist:innen schreiben nur Buddha allein die Fähigkeit zu, alle karmischen Zusammenhänge wirklich zu durchdringen.

Wichtig ist nur, zu verstehen, dass die Gesetze dir dabei helfen sollen, das Beste aus dem zu machen, was dir gegeben ist. Sie ermuntern dich dazu, die Verantwortung für dich und dein Leben zu übernehmen und anderen Lebewesen gegenüber rücksichtsvoll zu handeln. Und das führt dich garantiert zu deiner besten Version deiner Selbst!