Wie deine Wahrnehmung dein Leben beeinflusst

Meditation & Achtsamkeit

Richtige Wahrnehmung – das Erkennen


Patañjali beschreibt, dass »richtige Wahrnehmung auf direkter Beobachtung beruht, auf Schlussfolgerung und der Bezugnahme auf zuverlässige Quellen.« Das klingt eigentlich sehr gut und stimmt weitgehend mit dem rationalen Verstand und dem Wissenschaftsverständnis der westlichen Welt überein. Sicher liegt ein großer Teil des Funktionierens unserer Gesellschaften darin begründet, was wir als »richtige Wahrnehmung« beschreiben würden. Und dennoch gibt es dabei einen entscheidenden Knackpunkt. Der besteht darin, dass wir häufig definieren, dass wir das, was auf unserer direkten, aber subjektiven Wahrnehmung (z.B. in einem Experiment), auf Schlussfolgerung (also Theoriebildung) und Bezugnahme auf zuverlässige Quellen (also Grundlagenforschung, u.ä.) beruht, oft genug als die eine Wahrheit definieren.

Denken wir doch nur mal daran, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass ein großer Teil der Menschheit davon überzeugt war, dass der Mensch und das Universum Ausdruck des Schöpfungsprozesses eines Gottes sei. Als Darwin dann mit seiner Evolutionstheorie daher kam, stieß er auf die massivsten Widerstände, denn nun standen sich plötzlich zwei Theorien gegenüber, von denen jede für sich beanspruchte, als einzige wahr und glaubhaft zu sein. Darwin gründete sein richtiges Erkennen auf direkte Beobachtung und Schlussfolgerung. Die Vertreter einer jeden dieser beiden Theorien identifizieren sich bis zum heutigen Tag intensiv und leidenschaftlich mit dem, was in ihren Augen die »richtige Wahrnehmung« ist. 

 

Gibt es die eine Wahrheit?

Dieses eine Beispiel zeigt schon, dass »die richtige Wahrnehmung«, das als richtig erkannte, auch immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit oder eine bestimmte Sichtweise auf die Wirklichkeit beschreiben kann. Deswegen sind wir gut beraten, all dem zu misstrauen, was wir als Wahrheit verteidigen und uns bewusst zu werden, dass all diese Wahrheiten eigentlich nur Arbeitshypothesen darstellen, die uns jetzt – gemäß unserem momentanen Kenntnisstand - helfen, die von uns erfahrene Wirklichkeit zu erfassen und darzustellen.

Auch sollten wir uns daran erinnern, wie schnell sich in den letzten Jahrhunderten viele der grundlegenden Dogmen, auf denen das Verständnis von der Welt basierte grundlegend verändert haben – und sich immer noch weiter verändern. Deswegen plädiert Patañjali dafür, dass wir diese Form der »richtigen Wahrnehmung« abschalten lernen, indem wir die Mittel des Yoga nutzen und vor allem meditieren. Denn nur dann, im Zustand der Meditation, wenn unser Alltagsbewusstsein ausgeschaltet ist, eröffnet sich uns die Möglichkeit, das, was wir betrachten, in seinem So-Sein zu erkennen und zu erfahren. 

Werde dir bewusst, welche Erkenntnisse und Glaubenssätze für dich unumstößliche Wahrheiten sind. Hinterfrage sie und stelle dir vor, welche Gegenpositionen denkbar wären. Versuche nur mal versuchsweise, dich mit einer solchen Gegenposition vertraut zu machen, indem du sie »spielerisch« einnimmst und durchdenkst.

 

Falsche Wahrnehmung – die Verblendung

„Falsche Wahrnehmung liegt dann vor, wenn das eigentliche Wesen des Wahrgenommen nicht richtig erfasst wird“, erläutert Patañjali im Yoga-Sutra. Und Desikachar, der eine wunderbare Interpretation dieses Grundlagentextes verfasst hat, ergänzt treffend: „Falsche Wahrnehmung ist die Aktivität in unserem Geist, die unser Leben am meisten bestimmt.“ Wir nehmen immer dann zum Beispiel etwas nicht richtig – also falsch – wahr, wenn wir im Vorfeld uns dazu schon eine Meinung gebildet haben. Diese Meinung wird nämlich unsere subjektive Wahrnehmung beeinflussen und damit auch die Erfahrung, die wir gerade machen.

Nehmen wir an, dass ich irgendwann einmal in meiner Kindheit eine schlechte Erfahrung mit einem Hund gemacht habe, der mich gebissen hat, weil ich unachtsam mit ihm umgegangen bin. Wenn ich das nächste Mal einen Hund sehe, werde ich Angst haben, wieder gebissen zu werden und meine Mutter wird mich vielleicht von diesem Hund wegziehen, weil auch sie Angst hat. Mit diesen kleinen – ganz normalen Geschehnissen – beginnt sich in mir die Wahrnehmung zu festigen, dass Hunde gefährlich sind und beißen. In der Folge werde ich – vielleicht lebenslang – einen großen Bogen um jeden Hund machen. Und mancher Hund, der meine Angst spürt, wird mir die Zähne zeigen und meine subjektive Wahrnehmung untermauern. Bald bin ich nicht mehr in der Lage zu unterscheiden, dass es liebe, verspielte, schüchterne, zärtliche – und eben auch bissige Hunde gibt, sondern ich werde in meiner Wahrnehmung durch Vorurteile und falsche Interpretationen eingeschränkt sein.

 

Viele Erfahrungen, die wir in unserer Kindheit gemacht haben, beeinflussen unser Leben und erlegen uns eine bestimmte Wahrnehmung auf.
Anna Trökes

Solche Vorurteile und Meinungen hegen wir gegen viele Menschen – Menschen unseres Umfelds, aber auch Politiker und andere Prominente. Egal, ob solch ein Vorurteil oder eine solche Meinung uns zu einem freundlichen oder einem unfreundlichen Urteil verhilft, es legt uns auf jeden Fall fest und verhindert, dass wir neue, unerwartete und überraschende Erfahrungen machen können. Besonders deutlich werden die Auswirkungen einer falschen Wahrnehmung, wenn wir uns verlieben. Es ist allerseits bekannt, dass wir dann den Angebeteten durch eine rosarote Brille sehen und ihn mit allen Charakterzügen und Eigenschaften mehr oder weniger heftig idealisieren. Sobald sich unsere Hormonlage wieder etwas normalisiert hat, sehen wir ihn plötzlich mit anderen Augen und sind oft genug dann so enttäuscht, dass wir uns wieder »entlieben«.

Falsche, beschränkte und urteilende Wahrnehmung führt uns in unserem Leben oft genug in die Irre. Deswegen ist es ein erklärtes Ziel der Yogapraxis, zu erkennen, wo und wie sie in unserem Leben wirkt und uns zu überlegen, wie wir sie »entmachten« können, damit sich unsere Wahrnehmung klärt und wir in die Lage kommen, immer wieder neu hinzuschauen und die Erwartungen und Meinungen außen vor zu lassen.

Werde dir bewusst, welche Meinungen du über die Menschen deiner nächsten Umgebung hegst. Bist du in der Lage, ihnen zuzugestehen, dass sie auch ganz anders sein könnten? Liste dir auf, in welchen Situationen du dich durch Deine Meinungen, Vorurteile und Erwartungen eingeschränkt fühlst und überlege, was du dagegen unternehmen kannst. 

 

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