Mindful Business: Drei Schritte zur Entscheidungsfindung

Leben & Balance

Vielleicht kennst du dieses Phänomen: Du hältst an Entscheidungen fest, die du vor Jahren getroffen hast, obwohl sich die Anzeichen mehren, dass die Lösung nicht tragfähig ist. Dieses Festhalten hat damit zu tun, dass du viel Zeit und Ressourcen in diesen Ansatz investiert hattest und glaubst, dass es zu viele sind, um die Entscheidung nun rückgängig zu machen. Dieses Phänomen definiert die Wissenschaft als „Versenkte-Kosten-Trugschluss“ (Sunk-Cost Fallacy). 


Psychologen haben diesen Effekt experimentell vielfach untersucht: Wir tendieren dazu, die in der Vergangenheit investierten Kosten und Mühen als Maßstab für eine Entscheidung in der Gegenwart zu nehmen. Wir wägen nicht rational zwischen Handlungsoptionen ab, sondern nehmen die Investitionen der Vergangenheit als Begründung für das Weitermachen. Das führt dazu, dass wir einen eingeschlagenen Weg tendenziell weiterverfolgen, wenn wir bereits Zeit, Geld oder Anstrengung in ihn investiert haben – auch dann, wenn wir feststellen, dass dieser Weg offensichtlich in die Irre führt.

So können wir zum Beispiel eines Tages bemerken, dass unser jetziger Job nicht der richtige für uns ist. Wir kümmern uns jedoch nicht um einen neuen Arbeitsplatz oder drücken gar noch einmal die Schulbank, da das Erreichen unserer heutigen Position schon viel Zeit und Anstrengung gekostet hat (= Sunk Cost). 


Diesen „Sunk-Cost-Bias“ hat Andreas C. Hafenbrack. vom Department of Organisational Behaviour an der INSEAD untersucht. Er kostet Unternehmen weltweit Milliarden. Dabei handelt es sich nur um einen von unzähligen systematischen Entscheidungsfehlern, die in unserem kognitiven System vorprogrammiert sind.

Es gibt dann noch den „Backfire-Effekt“: Wir neigen dazu, Fakten zu ignorieren, wenn sie unserer eigenen Überzeugung widersprechen. Oder den „Halo-Effekt“: Wenn wir von einer Person eine gute Meinung haben, trauen wir ihr auch viel leichter andere Fähigkeiten zu, die sie möglicherweise gar nicht hat. Und natürlich genau umgekehrt bei Menschen, die bei uns weniger hoch im Kurs stehen. Oder den „Dunning-Kruger-Effekt“: Je inkompetenter wir in einem Themenbereich sind, desto eher unterschätzen wir die Kompetenz und Fähigkeit echter Profis in diesem Feld.

Und so gibt es 30 bis 40 weitere, gut erforschte Trugschlüsse, denen wir regelmäßig auf den Leim gehen. Und der „Beste“ von allen: Der „Bias Blind Spot“: Unser kognitives System hält sich für unbeeinflusst von all diesen Faktoren und unserer Umwelt – und natürlich auch für unbeeinflusst von all den verdrängten und damit unbewussten Sehnsüchten, Ängsten und Impulsen aus dem somatischen System. 

So viel zu unserem Neocortex als größenwahnsinnigem Projektmanager …

 

Entscheidungen umsichtiger treffen 

Andrew Hafenbrack stellte fest, dass Achtsamkeitstraining hilft, das Sunk-Cost-Dilemma zu erkennen und aufzulösen. Mit mehr Achtsamkeit fällt es uns also signifikant leichter, eine Entscheidung zu korrigieren, obwohl man bereits investiert hat.

Achtsamkeit fördert das Bewusstsein darüber, wie die Situation jetzt gerade ist. Das verhilft nachweislich zu umsichtigeren, weniger verzerrten Entscheidungen. Die Studie zeigt, dass wir uns ohne Achtsamkeit auch in Entscheidungssituationen oft in einer Art „Autopilot“ bewegen. Wie das ein Autopilot so an sich hat, läuft dieser Modus unbewusst. Sobald wir es immer wieder schaffen, vom unbewussten Autopiloten-Modus in den bewussten Modus zu wechseln, also auf den Fahrersitz unseres Lebens zurückzukehren und bewusst zu steuern, können wir auch Entscheidungen wieder proaktiv treffen. 

Mit Mindful Business zur richtigen Entscheidung

Für eine richtige Entscheidung braucht es mehr als die bloße Sammlung von Informationen. Hilfreich ist eine Methode in Anlehnung an das Modell der Dynamischen Urteilsbildung nach Lex Bos.

Fundierte und durchdachte Entscheidungen kommen in Form von mehreren Phasen zustande. Damit du dich nicht im Detail verlierst, kannst du dir ein Zeitziel pro Phase setzen, zum Beispiel zwei oder zehn Minuten. Wenn eine Entscheidung ansteht (etwa bezüglich der Arbeitsaufteilung zwischen deinem Team und einem anderen Fachbereich der Organisation), kannst du dir die Frage stellen: „Warum ist die Situation so?“ Du wirst merken, dass die Fragen hilfreicher für dich sind als die früheren, ausufernden Problemdarstellungen. 
 

 

Drei Schritte zur Entscheidung

Schritt 1: Die Denk-Phase. Zahlen, Daten, Fakten in der Phase des Denkens beschreiben die Ist-Situation sachlich. Verwende für die Leitfrage „Welche Erkenntnisse und Fakten brauche ich, um zu einem Urteil zu kommen?“ Sammle Zahlen, Daten und Fakten, um dir ein klareres Bild der aktuellen Situation zu zeichnen.

Schritt 2: Die Wollens-Phase. Was ist das Ideal? „Wie soll die Situation idealerweise aussehen, und was braucht es dafür?“. Hier erarbeitest du den Idealzustand der Situation. Bevor es zu sehr ins Detail geht, fass die Handlungsmöglichkeiten zusammen und läute den Entscheidungszeitpunkt ein. Am Ende der Entscheidung fällt deine Wahl auf eine der erarbeiteten Möglichkeiten.

Schritt 3: Die Phase des Fühlens. Die eigene Intuition wahrnehmen: Das Fühlen ist die Instanz, die Denken und Wollen verbindet – oder auf Unstimmigkeiten zwischen den beiden Ebenen hinweist. Stell dir die Frage: „Wie fühlt sich die Entscheidung an? Was sagt meine Intuition dazu?“

Wenn sich etwas nicht stimmig anfühlt, bleib dran. Geh dem Gefühl der Unstimmigkeit nach und stell Fragen, die dem auf den Grund gehen. Zum Beispiel: „Was bräuchte es noch, damit es stimmig wird?“ Du wirst die Erfahrung machen, dass diese Fragen den ganzen Entscheidungsprozess anreichern. Manchmal entsteht daraus eine ganz neue und wichtige Perspektive.

 

Micro-Practice: Intuitions-Check

Wenn du das nächste Mal vor einer Entscheidung stehst, nimm dir eine Minute Zeit. Nimm ein paar tiefe Atemzüge und lass deine Körperempfindungen und deine Intuition zu Wort kommen. Was hält deine innere Stimme von der Entscheidung?

Wenn du dir zukünftig immer wieder Zeit nimmst, um deine Entscheidungen achtsam und mit mehr Intuition zu fällen, wirst du die Erfahrung machen, dass du nicht nur viel Geld sparst, sondern auch wieder mit viel mehr Freude bei der Sache bist.

 

©Andreas Hechenberger

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