Die Linde - Baum der heilenden Liebe

Die Linde wird geliebt. Die Linde bedeutet Heimat. Es gibt unzählige Gasthöfe »Zur Linde« und im deutschsprachigen Raum über tausend Lindenstädte. Lindau, Lindenberg, Linz, Leipzig, Letzteres vom slawischen Wort für »Linde« abstammend.

Die Dorflinde ist die gesellschaftliche Mitte. Oft wird die Linde beim Dorfbrunnen gepflanzt. Der Brunnen ist der Zugang zur Unterwelt. Nicht im Sinne einer bösen Unterwelt, sondern der lichthaften Welt, der Welt der Frau Holle, und dem Himmel geöffnet. Die Hoflinde beim Hof, als Tanzlinde, unter der die Dorffeste, die  Kirchweihfeste, die Kirmes, die Kilbi, wie sie in den verschiedenen Mundarten heißen, gefeiert werden. Unter der Dorflinde werden Hochzeiten gefeiert und Festlichkeiten begangen. Es wird getrunken und getanzt. Es ist ein Bild der Lebensfreude, des Himmlischen.

 

Die Verkörperung des Göttlichen 

Die Linde ist eine lebende Präsenz, eine Verkörperung des göttlichen Wesens, das Liebe, Lebensfreude, Gesundheit, Geborgenheit bringt. Deswegen hat man sie als Hofbaum oder als Dorflinde gepflanzt. Und sie strahlt das aus. Und wenn wir uns damit verbinden, haben wir teil daran. Bäume erzeugen in uns Resonanz. Die Bevölkerung hier im Allgäu, wo ich lebe, wo so viele Fichten wachsen, ist eine ganz andere als zum Beispiel im Norden, wo Birken wachsen. Die Natur prägt uns. 

Was wir lieben, was uns interessiert, bringen wir ins Dasein herein. Unsere Hinwendung zur Natur, das Aufnehmen der heilenden Kräfte der Bäume, wirkt auch zurück auf die Pflanzen. Indem wir uns wieder interessieren, indem wir die Pflanzen lieben und anschauen, nicht nur die Augen schließen und meditieren, sondern indem wir die Pflanzen mit allen Sinnen in ihrer Schönheit begreifen, stärken wir sie im Dasein. Wir ziehen die Pflanzen hinein ins Dasein.

Das ist ein wenig das Geheimnis des Menschen: Was ihn interessiert – hinter dem Wort »interessieren« steckt das lateinische Verb interesse, und das heißt »dazwischen sein, zugegen sein« –, das bringt er ins Dasein. Wenn wir uns nur für Elektronik oder Maschinen interessieren, dann wird die Welt immer mehr von elektronischen Wesenheiten und Maschinen besetzt. Und dann entschwindet die Natur in den Hintergrund. 

 

Die Linde: Ihr Holz und ihr Grün

Der Name »Linde« bezieht sich auf die Sanftheit und Weichheit des Holzes. Statuen der heiligen Muttergottes wurden meist aus Lindenholz geschnitzt. Berühmte Bildhauer wie zum Beispiel Riemenschneider, Stoß oder Gibbons haben schon immer ihre Statuen aus dem weichen, geschmeidigen Holz geschnitzt.

Lindenholz wurde als lignum sanctum, als »heiliges Holz« bezeichnet. Es hat eine glatte Oberfläche und einen schönen Glanz. Es ist nicht geeignet als Bauholz oder als Brennholz. Es eignet sich höchstens für Musikinstrumente, Bleistifte, Bilderrahmen, Zündhölzer. 

Ich mag an der Linde besonders dieses helle, freundliche Grün. Die Linde ist verwandt mit den Malvengewächsen. Und Malven sind immer weich, erweichend, schützend, einhüllend. Die Linde hat einiges davon. Bei jedem Baum erlebt man etwas anderes. Bei der Linde erlebt man das Wesen der Linde. Und das ist wirklich fröhlich und harmonisierend. Jeder Baum schenkt uns ein anderes Erlebnis und schenkt uns auch andere Bilder. 

 

In der Begegnung mit der blühenden Linde wird das Seelische in uns heilend berührt, wir kommen in Resonanz.
Wolf-Dieter Storl

Die Seele berühren

Die Pflanzen, die Bäume sind ganz nach außen gerichtet. Dies, weil sie kein Innenleben haben. Das heißt, sie wachsen immer nach außen. Sie können hohl sein. Pflanzen haben innen keine Herzen, Nieren, Lebern, also keine Organe als verkörperte Seelenzentren. Weil sich ihre Seele außerhalb des Körpers befindet. Und so ist es eben auch bei der Linde. Wenn sie im Sommer blüht, blüht sie, weil der Deva, also ihr Geist, sie von außen berührt. Und da blüht der lebende Leib dem Geist entgegen und wird beseelt. Und da er beseelt wird, duftet er dann wunderbar. 

Alles, was in den Blüten unsere Seelen berührt, ist selber seelisch. Wir kennen das zum Beispiel von der Aromatherapie, Farbtherapie und dergleichen. Es berührt die Seele. Seelisches wirkt auf Seelisches. Das ist eine der heilenden Aspekte der Blumen, egal, ob das Bachblüten sind oder der duftende, blühende Lindenbaum. In der Begegnung mit der blühenden Linde wird das Seelische in uns heilend berührt, wir kommen in Resonanz. Bei der Linde ist es eine ekstatische Berührung. Wir sind dann im Einklang mit der Natur. Und wir sind gesund, wenn wir im Einklang sind. Wir sind heil; und wer auf der seelischen Ebene gebrochen ist, wird geheilt. Die Linde ist ein heilender Baum. Wir sind Teil der Natur.

 

Heilende Linde

Die Süße der Linde kommt erst mal im süßen Duft der Blüten zum Ausdruck und später im Lindenblütenhonig. Der Duft ist fein, aromatisch, die Linde ist eine riesige Bienenweide. Auch das hat etwas Heilendes an sich. Im Herbst, im November, wenn es grau und neblig wird und die Totengeister umgehen, erkälten sich Menschen oft oder bekommen die Grippe. Dann hilft eine Tasse Lindenblütentee mit Honig.

Und das ist nicht nur wegen der Schleimstoffe und der krampflösenden Eigenschaft oder weil es Abwehrreaktionen stärkt, es ist nicht nur wegen der ätherischen Öle und Bitterstoffe und Flavonoide. Sondern es hilft auch, weil es die Seele an die wonnige Sommerzeit erinnert, an die Mittsommerzeit, an die Zeit der Ekstase. Der  Lindenblütentee bringt den Sommerzauber in den Winter. Das Heilen geht ja meistens über die Seele und manifestiert sich dann physisch. Die Lindenblüten und dann noch der Lindenblütenhonig darin – so ist die Wirkung komplett. Kräuterpfarrer Kneipp hat den Tee auch für Unterleibsbeschwerden verschrieben.

Lindenkohle hilft bei Vergiftung und Blähungen und allgemein bei Magen-Darm-Beschwerden; auch kam sie mit ins Zahnpulver. Hildegard von Bingen spricht davon, die frischen Lindenblätter beim Schlafen aufs Gesicht und auf die Augen zu legen. Das habe eine reinigende, klärende Wirkung für die Augen. Wahrscheinlich würde es zudem nicht nur einen guten Schlaf, sondern auch gute Träume bringen.

 

Die Linde tröstet

Der Herzbaum, die Linde mit den herzförmigen Blättern, ist auch ein Ort, an dem man zerbrochene Herzen heilen kann. Da habe ich überhaupt keine Zweifel. Bei Liebeskummer ist die Linde eines der besten Mittel. Die Linde harmonisiert, sie beruhigt, sie tröstet und hilft, damit jemand wieder zu seiner Freude findet. 

Auch in der griechischen Mythologie kommt der heilende Aspekt der Linde vor. Die Tochter des Okeanos heißt »Philyra«, das ist ein altgriechisches Wort für »Linde«. Der Gott Kronos näherte sich Philyra in Hengstgestalt und schwängerte sie. Sie gebar darauf einen Kentauren, Cheiron. Cheiron ist der Heilkundige. 

Das heilkundige Halb-Mensch-halb-Pferd-Wesen ist ein Symbol des Heilens. Ein Cheiron oder Kentaur ist ein Pferdemensch, er hat den Kopf eines Menschen und den Körper eines Pferdes. Ein Heiler darf demnach nicht nur Kopf sein, er muss auch den Heilinstinkt haben, den sicheren tierischen Instinkt, also Pferd und Mensch sein, das ist dann der Heiler. Cheiron war der Lehrer der Menschen, was die Heilkunde betrifft. Man kann im metaphysischen Sinn sagen, dass die Linde die Kunst des Heilens hervorgebracht hat, indem sie den Kentauren gebar.

 

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