Die Zitronen-Apotheke: Warum die Zitrusfrucht mehr ist als ein Schnupfenkiller

Gesundheit & Ernährung

In meinem ersten Artikel dieser kleinen Serie Küchen-Apotheke: Wirkungsvolle Hausmittel für deine Selbstheilung habe ich die Zitrone mit einer fröhlichen Krankenschwester verglichen, die morgens früh mit einem fröhlichen „Guten Moooorgeeeen!“ ins Zimmer kommt und als erstes die Fenster aufreißt. Genau das ist die Qualität der Zitrone: erfrischend, belebend, desinfizierend – und etwas irritierend. So viel gute Laune kann man manchmal ja gar nicht ertragen.

 

Die „heiße Zitrone“

Über die „heiße Zitrone“ wird in Fachkreisen seit geraumer Zeit heftig diskutiert. So kennt man das Rezept: Saft einer halben bis ganzen Zitrone auspressen, in ein Glas geben, mit heißem Wasser auffüllen, Löffel Honig dazu. Umrühren. Schluckweise trinken. Die Diskussion ging nun darum, ob das Vitamin C nicht durch das heiße Wasser zerstört wird und damit die ganze Anwendung unwirksam wird.

Zu den Fakten: Ja, Vitamin C ist hitzelabil. Es wird aber nur reduziert und nicht komplett vernichtet. Vor allem ist Vitamin C bei höheren Temperaturen wasserlöslich und geht ins Wasser über (ein Problem bei gekochtem Gemüse, wenn dann das Vitamin C im Kochwasser bleibt, bei der heißen Zitrone stört das ja nicht weiter). Und ja, die heilsamen Inhaltsstoffe des Honigs sind hitzeempfindlich. Sie werden definitiv bei höheren Temperaturen zerstört.

Heißt: Gieß den Zitronensaft mit zwar abgekochtem, aber dann etwas abgekühlten Wasser auf. Wir wollen durchaus Wärme, weil Viren durch Hitze in ihrer Vermehrung behindert werden, zu heiß soll es aber auch nicht sein.

Weiter: Die Überlegung, dass das Vitamin C der allein entscheidende Wirkstoff ist, ist eine typisch „wissenschaftliche“ Annahme. Ich persönlich denke: bei der „heißen“ Zitrone spielen auch alle anderen Inhaltsstoffe der Zitrone eine Rolle, von Farbstoffen bis zum ätherischen Zitronenöl. 

Das ätherische Zitronenöl wirkt in höheren Dosierungen aktivierend, in geringer Dosierung beruhigend.
Dr. Annette Kerckhoff

Zitronensaft für Detox

Zitrone regt den Leberstoffwechsel an – und dies bedeutet immer auch „Entgiftung“. Es gibt zig verschiedene Rezepte mit Zitronensaft, die als Detox-Rezepte funktionieren: Von Wasser mit Zitronensaft am Morgen bis zu ayurvedischem Zitronenreis für einen „Schlankmachertag“.

Wenn die Leber angeregt wird, wird auch die Fettverdauung angekurbelt. Das ätherische Zitronenöl (Citrus limonum) wird in der Literatur als stimmungsaufhellend, konzentrationsfördernd, belebend, in höheren Dosierungen aktivierend, in geringer Dosierung beruhigend (deshalb durchaus als geringer Bestandteil von Aromamischungen zur Schlafförderung einsetzbar), vor allem aber auch als desinfizierend beschrieben. Das heißt: Auch aufgrund des ätherischen Öls ist die Zitrone gerade im Winter eine hilfreiche Zutat in der Küchen-Apotheke.

 

Aus Italien: Espresso mit Zitronensaft

Aus Italien wird der Tipp berichtet, bei Kater oder Kopfschmerzen einen Espresso mit Zitronensaft zu trinken. Ich geb’s zu: Das schmeckt nicht besonders, aber hilft, da Koffein wie auch Vitamin C die Schmerzweiterleitung dämpfen. Vielleicht ein guter Tipp für den Neujahrsmorgen?

Aus Schottland: Hot Toddy

Ursprünglich aus Schottland – heute in ganz Großbritannien, den USA und Kanada verbreitet – ist ein Rezept, das im Erkältungsfall quasi eine „heiße Zitrone“ anbietet, das aber noch etwas Zitronenschale, Nelken und vor allem mit ordentlich Whisky kombiniert – kann man sich bei einem schottischen Rezept etwas anderes vorstellen? Es hilft, wenn sich eine Erkältung ankündigt oder wenn man einen „Winterwärmer“ braucht.

Das brauchst Du:
125 ml heißes Wasser
1 TL Honig oder braunen Zucker
Saft von ½ Zitrone 
1 Streifen Bio-Zitronenschale, mit 2 Nelken gespickt
2–4 cl Whisky (entspricht 20–40 ml)
Für eine alkoholfreie Variante den Whisky durch Orangensaft ersetzen.

So geht‘s:
Ein Glas mit heißem Wasser ausspülen und dadurch anwärmen. Dann mit frischem heißen Wasser bis zur Hälfte füllen und Honig oder Zucker darin auflösen. Zitronensaft und -schale sowie den Whisky dazugeben. Umrühren. Fertig.

Spannend zu wissen:
In den USA wird dem Hot Toddy gerne ein Schuss Apfelessig zugegeben – dann ist er nicht ganz so süß. Und natürlich gibt es auch Varianten mit Zimt und Muskatnuss, mit Rum und Brandy ...

Frischer Ingwersaft hat eine besonders starke antivirale Wirkung.
Dr. Annette Kerckhoff

Ingwersaft-Tee mit Zitrone, Honig und Pfeffer

Hier noch ein anderes Rezept gegen Erkältungen und grippale Infekte, diesmal kalt und mit Ingwer und Pfeffer. Das Rezept stammt aus Mittelamerika.

Das brauchst Du:
350 ml Wasser
¼ Tasse möglichst frisch gepressten Ingwersaft (Entsafter, Mixer, Knoblauchpresse)
1 EL Honig
Saft von ¼ Zitrone
1 gute Prise Pfeffer

So geht‘s:
Das Wasser erhitzen. Ingwersaft, Honig, Zitronensaft und Pfeffer dazugeben, verrühren. 4–6 Tassen über den Tag verteilt trinken, je nach Magenverträglichkeit weniger.

Hinweise und Empfehlungen:
Falls Du keine Möglichkeit zum Entsaften hast, den Ingwer sehr klein schneiden und über 3–4 Stunden in warmem Wasser ausziehen.
Von dem Trester (das sind die Ingwerreste nach dem Auspressen) kann noch ein weiterer Auszug hergestellt werden: dafür diesen erneut mit heißem Wasser bedecken und 4–8 Stunden bedeckt ziehen lassen, abseihen.

Spannend zu wissen:
Frischer Ingwersaft hat eine besonders starke antivirale Wirkung.

 

Mexikanischer Schnupfenkiller

Eine weitere Variante gegen Erkältung und „dicken Kopf“ kombiniert Zitronensaft und Honig mit Knoblauchsaft.

Das brauchst Du:
1 Knoblauchzehe
1 EL Honig
1–2 EL Zitronensaft oder Limettensaft
warmes Wasser

So geht‘s:
Den Knoblauch klein schneiden oder pressen und in ein Glas geben, mit Honig und Zitronensaft verrühren. Mit warmem Wasser aufgießen, verrühren. 

 

Zitronenöl bei Herpes

Wovon ich schließlich in diesem Artikel berichten will, ist ein Tipp mit der Zitrone, der auch mir selbst völlig neu war, bis ich zu meinem Buch recherchiert und ein altes Büchlein der Organisation anamed international gefunden habe, das schon seit 10 Jahren in meiner „Volksmedizin-Bibliothek“ steht. Dafür muss ich etwas ausholen.

Anamed (kurz für „Aktion Natürliche Medizin in den Tropen“) wurde 1986 als gemeinnütziger Verein von dem Apotheker Dr. Hans-Martin Hirt gegründet. Anamed arbeitet in der Entwicklungshilfe. Kernpunkt ist die Förderung einer eigenverantwortlichen, selbstbefähigten, nachhaltigen und allen zugänglichen Gesundheits- und Nahrungsvorsorge. Sein Ziel: traditionelles Wissen zu bewahren, zu prüfen und zu verbreiten.

Dazu gehören mittlerweile auch diverse Publikationen. In einer davon fand ich den Tipp mit der Zitronenschale bei Herpes. Ich rief Herrn Hirt an, ob ich den Tipp für mein Buch übernehmen dürfte. Ja, durfte ich. Nur, wen es interessiert: Anamed leistet super Arbeit und ich freue mich, mich in diesem Artikel mit ein wenig Werbung revanchieren zu können.

Doch zurück zum Zitronenöl bei Herpes. Zur Anwendung bei Herpes wird eine frische Bio-Zitrone gewaschen. Dann die Schale so zwischen den Fingern oder gegen eine saubere Unterlage pressen (indem die normale Krümmung der Zitrone verstärkt wird), dass Öl aus der Schale austritt. Das Zitronenschalenöl mit der gleichen Menge Olivenöl mischen und mehrmals täglich auf das Herpesbläschen auftragen (z.B. mit einem Wattestäbchen).

Lippenherpes ist aber nicht das einzige Anwendungsgebiet der Zitronenschale, das beschrieben wird: Sie wird auch – frisch geschnitten und ausgepresst – empfohlen, um damit bei Erkältung oder Ohnmacht zu inhalieren. Diese Anwendung schlägt eine Brücke zur Aromatherapie, die das Zitronenöl nicht nur für eine erfrischende, belebende und konzentrationsfördernde Wirkung einsetzt, sondern auch als Desinfektionsmittel.

Sind das nicht alles fantastische Rezepte, die die Welt der Volksmedizin zu bieten hat – und vor allem: der Winter kann kommen. Die Zitrone versorgt uns mit Frische und Leben!

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