Ulrike Scheuermann: Nimm dich selbst an

Meditation & Achtsamkeit
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Betrachte dich selbst

An jedem Tag gibt es Gelegenheiten, bei denen wir uns darum kümmern können, unsere ungeliebten Seiten nicht mehr abzulehnen, abzuwerten und zu verdrängen. Dazu ist es sinnvoll, sie erst einmal sorgfältig zu betrachten, ja, sogar aufzulisten. Bei den meisten Menschen wächst da schnell eine lange Liste. Das ist normal und darf sein. Erst wenn wir uns die Eigenschaften unerschrocken ansehen, können sie ihre Kraft verlieren, weil wir sie nicht mehr bekämpfen.

 

Ungeliebte Seiten

Was mag ich an mir nicht? Was »soll weg«?
(In Bezug auf den Körper, auf Emotionen, Verhalten und Gedanken. Ein Hinweis: Bei unseren ungeliebten Seiten ist oft das Wörtchen »zu« vorangestellt.)

Zu langsam. Zu dick. Zu unsicher, schüchtern, langweilig. Zu wenig erfolgreich. Zu zimperlich, empfindlich. Zu weinerlich. Zu oft schlechte Laune. Zu viele negative Gedanken, pessimistisch, depressiv. Zu träge, immer auf dem Sofa. Tränensäcke, Schlupflider, Haarausfall, Bauchspeck, X-Beine. Langeweile, Mittelmäßigkeit, Nutzlosigkeit, Albernheit.

Wenn wir uns mit einem Ideal vergleichen, schneiden wir zwangsläufig schlecht ab. Alle Bewertungen mit dem Wörtchen »zu« und abwertende Formulierungen lassen unsere Eigen- und Besonderheiten als defizitär, negativ und verbesserungswürdig erscheinen. Wir können das schon mal als Anlass nehmen, uns daran zu erinnern, dass wir in unserer Einzigartigkeit nicht vergleichbar sind und dass das, was uns ausmacht, niemand anders hat.

Alles, was wir bekämpfen, dem geben wir Macht, und es wird letztlich stärker. Alles, was wir sein lassen, annehmen und als Teil unser selbst integrieren, verliert an Kraft.

Mit den folgenden Übungen – einzeln oder als Abfolge – können wir unsere ungeliebten Seiten und damit uns selbst nach und nach liebevoller annehmen, weniger nach anderen sehen und mehr bei uns selbst bleiben. Wir erreichen einen wohlwollenden Ton und fühlen uns selbstverständlich richtig und ganz, statt unsere Energie weiterhin ins Verstecken, Verdrängen und Abtrennen zu investieren.

 

Defizite annehmen

Entdecken – erzählen – zeigen – beobachten – verstehen

Jede Gelegenheit nutzen, ungeliebte Seiten an sich selbst zu entdecken: Gerade die Zeiten in schlechter Stimmung sind da sehr fruchtbar.

Anderen davon erzählen: So können wir Scham abbauen und Normalität erzeugen. Unsere Defizite sind nicht mehr so abwegig, wenn wir sie – vielleicht zum ersten Mal – ausgesprochen haben. Wie oft hören wir etwas, was jemand ankündigt mit: »Du bist der Erste, dem ich das erzähle.« Nur um dann etwas für uns vollkommen Unspektakuläres zu vernehmen. Oft lachen alle Beteiligten später darüber, und ein Teil der ungeliebten Seite ist integriert.

Sich zeigen mit den ungeliebten Seiten, indem man sie »umweltverträglich« ausprobiert: »Umweltverträglich« meine ich wörtlich. Es geht nicht darum, seine Wut auf die Welt endlich mal auszuleben und dafür die alte Dame im Supermarkt zusammenzubrüllen, die sich unauffällig vordrängeln wollte.

Aber beispielsweise einen Lehrer sehr nachdrücklich und meinetwegen lauter als gewöhnlich dazu aufzufordern, keine Kinder mehr vor der Klasse zu beschämen – das wäre sogar eine sehr sinnvolle Art, ungeliebte Seiten (wie das Bedürfnis, Kritik zu üben) zu integrieren.

Beobachten, was passiert und wie andere darauf reagieren.

Verstehen, warum diese Seiten an uns zu »ungeliebten« wurden: Wir können nachforschen, ob wir bestraft wurden. Vielleicht wurden wir belächelt, abgewertet, geschnitten oder anders »sanktioniert«, wenn wir eine heute ungeliebte Seite gelebt haben.

Manchmal reicht es auch, wenn wir andere dabei beobachtet haben, wie sie wegen ihrer vermeintlichen Defizite bestraft wurden. Kinder haben hier äußerst sensible Antennen.

Ungeliebte Seiten anzunehmen ist der eine Weg, um ganz zu werden. Der andere führt über das Entwickeln von Bescheidenheit. Auch bei den positiven Seiten ist es mal genug – wir müssen nicht immer noch mehr wollen.

 

Gut genug

Was ist bereits gut genug bei mir?

Ich bin erfolgreich genug: Ich habe doch in meinem Leben schon so einiges, wenn auch bestimmt nicht alles erreicht. Ich bin schön genug, auch wenn es definitiv hübschere Menschen gibt. Meine Haare und meine dunklen Augen gefallen mir. Und so wichtig ist das nun auch nicht: Ich werde auch durch ein Facelifting nicht mehr geliebt werden. Ich kann mit meiner Schüchternheit leben, sie muss eigentlich gar nicht überwunden werden.

Manchmal finde ich mich damit sogar selbst ganz sympathisch. Man könnte mich auch »zurückhaltend« und »unaufdringlich« nennen. Es reicht mir inzwischen, wenn ich meine Arbeit gut und gewissenhaft ausführe, dabei aber »nur« die Zweit- oder Drittbeste im Team bin; ich muss nicht immer »die Beste« sein.
 
Jede Verlockung, der wir nachstreben, kostet unsere Aufmerksamkeit und Energie sowie unsere begrenzte Lebenszeit. Wir investieren, und woanders fehlt uns diese Energie. Es ist eine Entscheidung: Wir haben nur einen bestimmten Vorrat an Energie und Zeit zur Verfügung – investieren wir ihn bewusst und sehr besonnen in wirklich wichtige Dinge!

 

©Die Hoffotografen GmbH Berlin

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