Karlinders Kolumne: Mit 1000 Flaschen Rotwein am Tag gegen Alzheimer?

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Charlotte Karlinder mit einem Glas Rotwein

Gesundheitsnews rund um Rotwein

Gesundheitsnews, die besagen, dass Rotwein wahnsinnig gesundheitsfördernd seien, hört man zugegebenermaßen sehr gerne. Auch ich. Und da die Verfasser dieser Artikel ja auch nicht müde werden, zu erwähnen, das würden brandneue Studien bewiesen, neigen wir dazu, diese ungeprüft zu glauben. Leider kommen andere Autoren dann aber auch gerne plötzlich wieder mit Studien um die Ecke, die das Ergebnis widerlegen. Diese verdrängen wir dann einfach. Und so ist es nicht nur beim Wein – es gibt so einige Lebensmittel, denen gesundheitliche Vorteile nachgesagt werden, Stichwort Superfood, und wenig später ist dann wieder das Gegenteil angesagt.

Also müssen wir selbst unser Gehirn anwerfen, es nützt nichts. Bleiben wir beim Thema Wein. Da hatte eine Studie also kürzlich ergeben: Resveratrol, das ist ein sogenanntes Antioxidans, das in Rotwein enthalten ist, könne die Entstehung von u.a. Alzheimer vorbeugen bzw. das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Diese Vermutung beruhte auf den beiden Tatsachen, dass 

1. Rotwein Resveratrol enthält und 
2. Resveratrol erwiesenermaßen Alzheimer verhindern kann. 

Also wurde daraus: Wer Rotwein trinkt, minimiert sein Alzheimer-Risiko.

 

Alles, was über sogenannte moderate Dosen konsumiert wird erhöht sogar die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken.
Charlotte Karlinder

Minimiert Wein das Alzheimer Risiko?

Wenn es doch so einfach wäre – leider funktioniert diese Logik nämlich nicht. Im Gegenteil: Alles, was über sogenannte moderate Dosen konsumiert wird (als moderat gilt ein Glas für Frauen und zwei Gläser für Männer) erhöht sogar die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken. Und was diese neue Studie mit dem Resveratrol betrifft: Es ist ein großartiges Molekül im Reagenzglas ist – aber wir müssten extrem viel davon aufnehmen, um eine therapeutische Dosis zu erhalten.

Denn: Die Dosis macht das Gift ¬– aber eben auch die Medizin. Der vor allem im Rotwein enthaltene Stoff verhindert zwar, dass sich bestimmte Eiweiße in Zellkulturen bilden, die Ablagerungen, sogenannte Plaques, im Gehirn der Alzheimer-Patienten verursachen. Die dazu notwendigen Mengen übersteigen den Gehalt an Resveratrol im Rotwein allerdings um das Vielfache, so dass das abendliche Glas Wein für einen Schutz nicht ausreicht.

Umgerechnet bedeutet das also: Wir müssten 1000 Flaschen (!) Rotwein am Tag trinken, um die schützende Wirkung zu erzielen. 1000 Flaschen! Mindestens. Alles was weniger ist, verpufft in unserem Körper wie ein Sonnenblumenkern. Dass diese Menge nicht gesund wäre, muss ich wohl niemandem näher erläutern. Aber Fakt ist: Selbst bei einer Flasche liegen wir deutlich über dem Limit. Sogenanntes „hartes Trinken“ (bei Männern beginnt das ab 0,7 Liter und bei Frauen bei 0,5 Liter Wein pro Tag ) führt erwiesenermaßen zu Gefäßerkrankungen wie Alzheimer.

 

Was passiert in unserem Körper, wenn wir Wein trinken?

Aber wie hängt das auf der anderen Seite genau zusammen? Wie genau hängt jetzt ein hoher Alkoholkonsum mit einem erhöhten Risiko für Demenz konkret zusammen? Verantwortlich sind eine Menge Faktoren, unter anderem Entzündungsprozesse, die Zuckerbelastung und die Entgiftung durch die Leber. Ich versuche mal, das komplexe Thema runterzubrechen.

Wein trinken ist wie eine Infektion: Die erste entzündliche Wirkung liegt in der Mikroflora des Darms, wo übermäßiger Alkoholkonsum zu einem Anstieg eines Stoffs namens Lipopolysaccharids (LPS) führt. Hintergrund: Wenn wir mehr als das erlaubte Glas Wein trinken, ist das für unseren Körper wie eine Infektion – was eine Immunantwort auslöst. Übermäßiges LPS behindert auch die Kommunikation zwischen den Organen, verschärft die Wirkung von Alkohol auf andere Körperteile und erhöht die Durchlässigkeit des Darms sowie die der Blut-Hirn-Schranke - was ein neuer Faktor bei der Entstehung der Alzheimer-Krankheit ist.

 

Die Dosis macht das Gift

Die zweite entzündliche Wirkung des übermäßigen Weinkonsums entsteht, wenn er den Darm erreicht und quasi als Nahrung für die Verarbeitung durch die Leber aufgenommen wird. Hier werden gesunde Kohlenhydrate von der “Verpackungsabteilung” der Leber umgewandelt und dann eingelagert oder an die Muskeln geschickt, um sie bei Bedarf zu verbrennen. Und leider überfordert der Zucker aus dem Wein zusätzlich unsere Leber. So wird er als Rohrzucker im Blut an den Körper abgegeben oder direkt in schwer verbrennbare Fette umgewandelt. Unser Stoffwechselprozess ist einfach nicht für schnell brennende Zucker gemacht.

Und last but not least sind da noch die Giftstoffe im Alkohol selbst. Unsere Leber ist ein Multitalent, eine Maschine. Es schützt uns vor Umweltgiften – aber auch ihre Kapazität ist begrenzt. Der Clou: Das Ergebnis ist nicht unmittelbar sichtbar: Wenn wir sie überlasten, altert sie schneller. Studien haben gezeigt, dass das biologische Alter der Organe einer Person mehr als ein Jahrzehnt älter oder jünger sein kann als das Kalenderalter der Person.

Denn: Mit zunehmendem Alter unserer Organe verschlechtert sich ihre Fähigkeit, unseren Körper und das Gehirn zu schützen – dann kommt es zu erhöhten Schäden durch Umweltgifte, die Entzündungen mehren sich mit dem Ergebnis einer weiter reduzierten Arbeit unserer Organe. Ein schleichender, tödlicher Kreislauf, den viele nicht kennen – der uns aber viele Jahre unseres Lebens in Gesundheit klaut.

 

Wie viel Gläser Wein sind gesund?

Einzig in Bezug auf Herzerkrankungen soll Wein tatsächlich eine schützende Wirkung haben. Studien bestätigen das: Es finden sich beispielsweise im Rotwein bestimmte Stoffe, denen Forscher zumindest im Tierversuch nachweisen konnten, dass sie eine gefäßschützende Wirkung haben. Aussagekräftige Untersuchungen am Menschen fehlen jedoch bisher, so dass es sich nicht eindeutig belegen lässt. 

Fakt ist also: Wenn wir mehr als 1 bzw 2 Gläser Wein pro Tag trinken, kommt es verstärkt zu inneren Entzündungen und unser Körper ist nicht mehr in der Lage, Giftstoffe zu verarbeiten. Wir kennen noch nicht zu 100 %, alle Ursachen von Alzheimer – aber sicher ist: Chronische Entzündungen und Belastung durch Giftstoffe stehen ganz oben auf der Liste. 

Wie lautet also nun das Fazit? Insgesamt zeigen die Studien, dass der Konsum von Wein in größeren Mengen insgesamt Bedingungen in unserem Körper schaffen, die das Risiko der Demenz erhöhen. Und da wie oben dargestellt, Resveratrol in der geringen Menge nicht hilft, muss eine andere Therapie her. Und ganz ehrlich, die gibt es: Eine Stunde am Tag Fahrrad zu fahren beispielsweise, bewirkt mehr. Reduzieren wir also lieber unser Risiko für Alzheimer – und es hat den zusätzlichen Vorteil, dass wir uns wohlfühlen und gut aussehen. Also genießen wir das erste Glas – und gehen dann zum Schönheitsschlaf ins Bett. 

 

In diesem Sinne: Prost – und gute Nacht!

Charlotte Karlinder 

P.S.: Einschlafprobleme? Tipps für einen gesunden Schlaf gibt’s in meinem Gesundheitsmagazin www.charlotte-karlinder.de

 

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