Ulrike Scheuermann: Sich selbst besser verstehen

Meditation & Achtsamkeit
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Innehalten und in sich hineinhören

Innehalten und dich selbst besser verstehen, bei dir selbst ankommen: Hierfür gibt es zwar kein Rezept und keinen Geheimtipp. Aber du kannst eine alltägliche Routine der Selbstbefragung entwickeln und mitten in diesem Innehalten eine Neugier auf dich selbst kultivieren. So entwickelst du dich weiter, statt im Kreislauf von Mitmachen und Ereifern stecken zu bleiben.

Hier ist die Frage für den Alltag, immer mal zwischendurch:

 

Einhalt!

Mache ich hier gerade etwas, was nicht zu mir passt?

Wenn nein: weitermachen.

Wenn ja: innehalten, nachdenken und bewusst machen. Nachforschen und immer mehr über die Ursachen herausfinden, warum du hier und vielleicht auch woanders Dinge tust, die du nicht willst. Und dann entscheiden: Kann und will ich etwas ändern, oder ist es aus bestimmten Gründen sinnvoll oder unumgänglich, so weiterzumachen? 

Wichtig: Nichts zu ändern kann unter Umständen genauso angezeigt sein. Du musst nicht sofort alles ändern, nur weil du etwas haben oder loswerden willst.

 

Wenn negative Gefühle hochkochen

Wenn du dich über andere ereiferst, spielen oft starke Gefühle eine Rolle. Manchmal regen wir uns auf, sind wütend oder betroffen – und schon meinen wir, unseren Gefühlen impulsiv nachgeben zu müssen. 

Das ist selten von Vorteil, denn Gefühle sind veränderlich, und vor allem negative Gefühle sollten sich erst einmal setzen, statt dass wir sie ungefiltert auf andere loslassen. Mit impulsiven Reaktionen können wir großen Schaden anrichten. Mit einem besonnenen Umgang mit anderen Menschen könnten wir dagegen viel bewirken und voranbringen.

 

Gestalte die Beziehungen zu deinen Mitmenschen behutsamer.
Ulrike Scheuermann

Soforthilfe

Was ist meine Soforthilfe bei starken, vor allem negativen Emotionen?

Tief durchatmen, bis zehn zählen, den Ort wechseln, auf die Toilette gehen, nachfragen.

Wenn wir unterscheiden zwischen förderlichen und schädlichen impulsiven Reaktionen und die schädlichen sofort abfedern, können wir großen, vor allem zwischenmenschlichen Schaden wie unnötige Kränkungen, Enttäuschungen und Verletzungen verhindern und unsere Beziehungen zu den Mitmenschen behutsamer gestalten.

Nach der Soforthilfe können wir dann unsere Emotionen in Ruhe ausreifen lassen und diese Zeit abwarten, bis wir reagieren.

 

Emotionen ausreifen lassen

Wie lasse ich meine Emotionen ausreifen, bevor ich reagiere?

Ich schlafe mindestens eine Nacht darüber, am Morgen sieht die Sache schon anders aus. Ich rufe meine beste Freundin an und rede mit ihr darüber; sie ist so bodenständig und beruhigt mich. Ich schreibe alles auf, was mich wütend macht oder sonst wie aufregt. Manchmal dauert es Tage oder eine Woche, dann erst merke ich, dass ich mit einer neuen Gelassenheit auf das Ganze blicke. Ich versuche, mich in den anderen hineinzuversetzen. Wenn mir das gelingt, bin ich so weit.

Zeit ist bei Emotionen ein wichtiger Faktor, denn Emotionen sind wie gesagt extrem wandelbar. Wenn wir wissen, wie lange wir erfahrungsgemäß Zeit verstreichen lassen sollten, um emotional stabil zu werden, hilft uns das, die meist unangenehme Gefühlsaufwallung durchzustehen.

Darüber schlafen, Zeit verstreichen lassen und sich einem Unbeteiligten mitzuteilen – und sei es das Tagebuch oder die Katze – helfen uns enorm dabei, unsere Emotionen ausreifen zu lassen und nicht das Erstbeste »rauszuhauen«.

Und das war nur der erste Schritt. Danach können wir tiefer gehen, Regelmäßigkeiten bei unseren Reaktionsweisen verstehen und dann auch leichter unser impulsives Verhalten ändern.

 

Auslöser

Auf welche Auslöser reagiere ich regelmäßig mit bestimmten Reaktionen aus welchen Gründen?

Wenn …, dann …, weil ...

Wenn jemand mir arrogant kommt, dann werde ich fuchsteufelswild, weil ich mich dann klein und unbedeutend fühle. Wenn meine Tochter tiefenentspannt rumhängt, statt mir zu helfen, wenn ich total im Stress bin, dann könnte ich ausrasten, obwohl ich genau weiß, dass sie nach der Schule erst mal Ruhe braucht. Ich bin so wütend, weil ich Angst habe, meine Aufgaben nicht zu schaffen, weil ich mir immer wieder zu viel vornehme.

Diese Innenschau hilft uns, immer besser zu verstehen, was die eigentlichen Hintergründe für bestimmte Gefühle sind und wie oft Gefühle gar nichts mit der anderen Person zu tun haben, sondern nur durch sie ausgelöst sind. Wenn wir die tieferen Zusammenhänge besser verstehen, können wir uns um die Hintergründe kümmern und die vordergründigen Auslöser gelassener betrachten.

Und hier kommt nun eine ziemlich schlicht wirkende, aber nicht weniger wichtige, weil jahrelang gereifte Erkenntnis zu Ereiferungskreisläufen, Konfliktspiralen, Shitstorms, Kränkungen, Tratsch, Mobbing und Intrigen – also kurz zu allem, wo Beziehungsverstrickungen den Fluss der Dinge blockieren: Redet miteinander.

 

Reden!

Rede mit demjenigen, der den Ereiferungsreflex ausgelöst hat.

Anrufen. Fragen. Sich zum persönlichen Gespräch verabreden. Informationen aus erster Quelle einholen, statt anderen Quellen ungeprüft zu glauben. Eine zweite Meinung einholen. Keine E-Mails, SMS und so weiter schreiben. Keine Beschwerden oder Tratsch über Dritte, ohne diese zuerst gefragt zu haben. Keine Rechtsanwälte vor diesem ersten Schritt. Fragen. Fragen. Fragen.
 
Es ist schon recht erstaunlich, wie diese simple Grundregel des menschlichen Miteinanders ständig übergangen wird, auch bei reflektierten, kommunikativ geübten Menschen. Erst wenn wir besonnen reagieren, indem wir über unsere Ereiferungsreflexe hinausgehen und mit dem anderen in Ruhe reden, verhalten wir uns wie Erwachsene und kommen mit uns selbst und anderen weiter.

 

©Die Hoffotografen GmbH Berlin

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