Selbstversuch: 10 Tage als Veganerin

Gesunde Ernährung
Selbstversuch: 10 Tage als Veganerin

Ich habe eine Frühstücks-Obsession. Und das ist ein Problem.

Seit Jahren esse ich jeden Morgen das Gleiche zum Frühstück: Müsli mit Joghurt und Apfel, dazu einen Espresso mit viel Milch. Direkt nach dem Aufstehen bin ich einfach nicht in der Lage, mich zwischen unzähligen anderen Möglichkeiten zu entscheiden, und jedes Mal, wenn meine Routine gestört wird, passieren schlimme Dinge: Espresso im Müsli, „Espresso“ ohne Espressopulver, Espresso ohne Wasser - den Gestank nach verbranntem Gummi am frühen Morgen will ich nie wieder ertragen müssen.

Aber mein heißgeliebtes Frühstück besteht hauptsächlich aus Milchprodukten, und damit ist es Teil meines Dilemmas: Einerseits finde ich es verwerflich, wie wir mit Nutztieren umgehen und dass wir dadurch auch allen anderen Lebewesen auf der Erde schaden. Andererseits halte ich ein Leben ohne Milchkaffee für möglich, aber freudlos. Was bedeutet, dass ich mein kleines Glück über das Wohl aller anderen stelle - wofür ich mich gleich wieder auf höherer Ebene verdammen könnte. Und wo wir schon dabei sind: Dafür, dass ich aus meiner Ernährung eine Frage von Gut und Böse, fast schon eine Religion mache, bin ich wahrscheinlich auf allerhöchster Ebene verdammenswert. Das also ist das Dilemma.

Die Lösung liegt natürlich auf der Hand: Veganer verzichten konsequent auf alle tierischen Produkte. Aber kann und will ich so leben? Werden mir der Gruyère auf dem Brot, die Eier in der Mangold-Quiche, die Buttercreme im Erdbeerkuchen nicht fehlen? Zwar gibt es für fast alles Ersatzprodukte, aber gegen die hege ich eine diffuse und reichlich irrationale Abneigung: künstlich, umweltschädlich und nicht lecker. Zeit, es einfach mal zu versuchen.

 

Das Experiment

Der Plan klingt simpel: zehn Tage lang vegan leben. Ich will wissen, ob ich mich damit gut fühle. Ich will möglichst viel ausprobieren, ohne mich in Unkosten zu stürzen oder daraus einen Vollzeitjob zu machen. Und ich will weiterhin Freude am Kochen und Essen haben.

Am Samstagabend brate ich mir eine Spargel-Frittata mit sage und schreibe vier Eiern, dann vernichte ich einen großen Haufen Schokokekse. Am Sonntag geht es los.

 

Tag 1

Ich öffne den Sojajoghurt, und das Erste, was mir einfällt, ist: Urgh. Er ist leicht gelblich, riecht wie ein Hanfseil und hat diese unschöne Konsistenz, für die es nur Dialektwörter gibt - meines ist grisselig. Nichts davon wird besser, als ich ihn esse. Auch die Hafermilch, die pur ganz gut schmeckt, enttäuscht mich; der Kaffee wird durch sie nur süßer und wässriger.

 

Tag 2

Ich löffle schicksalsergeben mein Soja-Müsli, den Kaffee ersetze ich durch Gewürzchai mit einem Schuss Hafermilch. Das ist okay. Sobald ich im Büro sitze, rächt sich die Tee-statt-Milchkaffee-Entscheidung: Hunger!

 

Der Kaffee erreicht mit Reismilch schon jetzt seinen Tiefpunkt.
Redaktion

Tag 3

Heute esse ich etwas, von dem ich bis gestern nicht wusste, dass es das gibt: Luve, eine Joghurt-Alternative aus Lupinen. Farbe beige, Konsistenz cremig, der Geschmack von Vanille mit einem Hauch Säure, vor allem aber süß – zu süß für mich. Der Kaffee erreicht mit Reismilch schon jetzt seinen Tiefpunkt; er schmeckt, als schütte man Zuckerwasser in den Espresso. Ich nehme an, Reismilch hat einfach zu wenig Fett. Kuhmilch hingegen, mit ihrem ausgewogenen Verhältnis von Wasser, Zucker und Fett, macht den Espresso runder, bringt seinen Geschmack zur vollen Entfaltung. Ich vermisse meinen Milchkaffee wirklich.

 

Tag 4

In dem Versuch, die Reismilch sinnvoll zu verwerten, koche ich Grießbrei. Dazu gibt es Gewürzchai, ebenfalls mit Reismilch. Fazit: (Grieß + Wasser) + (Wasser + Wasser) = mieses Frühstück.

 

Tag 5

Frustriert von den mehr oder weniger scheußlichen und dazu relativ teuren Joghurt- und Milch-Alternativen, esse ich Reiswaffeln mit Marmelade und trinke weiterhin Tee. Meine Frühstücksroutine ist völlig aus der Bahn geraten und ich bin ganz und gar nicht glücklich damit.

 

Tag 6

Ich wage einen neuen Anlauf. Der Mandeljoghurt ist zwar ebenfalls beige und cremig, aber sein nussiges Aroma passt recht gut zu meinem Müsli. Außerdem koche ich Kakao mit sündhaft teurer Cashewmilch. Er schmeckt super und die Fettaugen, die obenauf schwimmen, belustigen mich irgendwie.

 

Tag 7

Entdeckung des Tages: Joghurt aus Kokosmilch. Er schmeckt wie zu erwarten intensiv nach Kokos, ist sehr weiß - und wahnsinnig fettig. Dazu probiere ich Kaffee mit Cashewmilch, der ebenfalls fettig und ein wenig bitter wird. Danach ist mir ein bisschen schlecht.

 

Nach einer Woche Entzug habe ich das Gefühl, endlich wieder guten Milchkaffee zu trinken.
Redaktion

Tag 8

Nachdem ich mich sehr lange aus sehr schlechten Gründen gegen die offensichtlichste Milch-Alternative gesträubt habe, kaufe ich doch noch Sojamilch. Und siehe da: nach einer Woche Entzug habe ich das Gefühl, endlich wieder guten Milchkaffee zu trinken. Er schmeckt vielleicht eine Spur angebrannt, aber kein Vergleich zum Reismilch-Desaster von Tag 3.

 

Tag 9

Angespornt von der Sojamilch-Offenbarung, wage ich mich noch einmal an Sojajoghurt einer anderen Marke heran. Dass er nicht reinweiß ist, stört mich inzwischen nicht mehr, das Getreidearoma ist dezent und vor allem schmeckt er, wie normaler Joghurt auch, leicht säuerlich. Das war es, was mir gefehlt hat. Was den Kaffee anbelangt, werde ich mit der Sojamilch in der Hinterhand übermütig und kaufe trotz der Warnung einer erfahrenen Veganerin – „schmeckt nach Knete“ – Mandelmilch. Um es kurz zu machen: Sie hat recht.

 

Tag 10

Im Grießbrei schmeckt die Mandelmilch sehr lecker. Aber als ich mir an diesem letzten Abend die Zähne putze, fällt mir zum ersten Mal auf, dass meine Zahnpasta nicht vegan ist. Und mir wird klar, dass ich streng genommen schon am ersten Tag gescheitert bin.

 

Mein Fazit: Es gibt viel zu entdecken!

Das Wichtigste zuerst: Zehn Tage vegan zu leben hat – trotz allem – Spaß gemacht, weil ich auf spielerische Weise Neues entdecken konnte. Ich habe Dinge gegessen, die ich aus unerfindlichen Gründen abgelehnt habe und andere, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren.

Abgesehen vom Frühstück fiel es mir leicht, vegan zu kochen. Am meisten fehlte mir der kräftige Geschmack von Käse. Oft gab es eine Alternative – Gemüse scharf anbraten, verschiedene Gewürze verwenden (mein aktueller Favorit sind Lavendelblüten), Chinapfanne mit Sojasauce forever – aber auf dem Brot kann kein Aufstrich und kein Mandel-Nuss-Tofu ein gutes Stück Gruyère ersetzen.

Schwieriger fand ich es, als Veganerin sozial ein wenig abseits zu stehen. Ältere Familienmitglieder empfinden es manchmal als arrogant, so als verachte man das, was sie für gutes Essen halten. Mit Freunden im Restaurant wird es schnell kompliziert. Und wenn jemand Kuchen gebacken hat und ich ablehne, fühle ich mich, als weise ich ein Geschenk zurück: undankbar.

Mein ethisches Dilemma habe ich währenddessen völlig aus den Augen verloren. Wahrscheinlich wäre es eine Erleichterung gewesen, nicht mehr ununterbrochen gegen das, was ich für richtig halte, zu verstoßen. Leider war mein Kopf viel zu sehr damit beschäftigt, ein anständiges Frühstück aufzutreiben.

Kurz: Ich kann jedem empfehlen, selbst ein solches veganes Experiment zu wagen. Der feste Zeitrahmen hilft, aus alten Mustern auszubrechen, und danach fällt es leichter, neue Entdeckungen in den Alltag hinüberzuretten. Oder man experimentiert einfach weiter: ein veganer Tag in der Woche, eine Woche im Monat, ein Monat im Jahr ...

 

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